
Sie machen den Unterschied: Die christlichen Brüder und Brüderinnen der Wüstenstrom-Gemeinschaft, der OJC und verschiedener anderer homophober, auf dem Fundament des christlichen Glaubens stehenden Gruppierungen. Ganz im christlichen Sinne begegnen sie ihrem schwulen oder lesbischen Nächsten nicht nur in anerkennender gleichgültiger Nächstenliebe (wie es große Teile der Gesellschaft bestrebt sind zu tun), sondern wollen ihnen helfen. Im Sinne des barmherzigen Samariters schenken sie den verwundeten Seelen der “kranken Menschen” zwar scheinbar Aufmerksamkeit, ignorieren aber höchst selektiv Befunde aus Biologie, Psychologie und transformieren theologische Uneindeutigkeiten in unumstößliche Wahrheiten.
Die theologische Freiheit und Leichtigkeit mit der sie biblische Aussagen dechiffrieren, zeugt - meiner Meinung nach - von einem wenig christus-zentrierten und somit wenig menschenbezogenen Glauben. Zwar prangt der Slogan Christi “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben” als Leitmotiv auf ihren Plakaten und Flyern, das Verständnis differiert jedoch von dem Gemeinten (zumindest wie ich es verstehe). Meint die Weg-Wahrheit-Leben-Aussage nicht die Befreiung durch Christus, durch die ewig gültige Vergebung von Schuld (des von Natur aus Perfekten-und-Unperfekten und des perfekt-und-unperfekt handelnden Menschen)? Fordert sie darüber hinaus nicht zur Nachfolge des “way of life” - des Lebensstils Jesu - auf? Wenn dem so wäre, so schlösse sich die Frage an, wie Jesus seinem Nächsten begegnete. Was waren die Normen, die seine Interaktion mit dem Gegenüber leiteten? Eine regelgläubige Strenge oder die verstehende Zuwendung zum Menschen in seiner multiplen und großartig-einzigartigen Fehlerhaftikgeit?
Ich glaube, dass Jesus verändern wollte - die Frage ist nur wie! Ich glaube, dass Nächstenliebe nicht bedeuten kann den Menschen von außen in eine Richtung perfektionieren zu wollen, was in seiner finalen Konsequenz normieren, gleichmachen bedeutet. Vielmehr geht es darum den Leitgedanken der Nächstenliebe, der sich in Annahme und Anerkennung des Nächsten niederschlägt zu verbreiten. Durch Glaube und Hoffnung getragene Nächstenliebe ist die Norm, die Jesu “way of life” kennzeichnet. Jesu Begegnungen mit Menschen waren dadurch geprägt, dass er dem Menschen Freiheiten ließ und kein fix normiertes Außenbild des perfekten Menschen verlangte (auch nicht in Bezug auf die richtige/falsche sexuelle Orientierung), sondern lediglich die Erwartung an den Menschen herantrug, dass er Gott liebte, was sich u. a. in der liebevollen Begegnung mit dem Nächsten und sich selbst verkörpert. Nur wenn man das Gegenüber annimmt, kann sich das Gegenüber annehmen.
Einige Ausnahmen in der Begegnung Jesu mit Menschen gab es jedoch. So zeigte Jesus relativ wenig Versätndnis für diejenigen, die Glauben falsch verstanden. Das waren diejenigen, die versuchten das Gegenüber zu normieren, ihm Regeln vorzugeben ohne zu berücksichtigen wie es dem ihm damit geht. Das waren diejenigen, die von einem vorgegebenen umfassenden Menschenbild ausgingen und dieses verbreiteten - wahrscheinlich aus eigener Angst, Unsicherheit und fehlender Selbstannahme und Freiheit heraus! Der Super-Christ, der richtige Christ, der Einheits-Christ widerspricht jedoch, meinem Verständnis nach, der Liebe Gottes für die Welt und die Vielfältigkeit der geschaffenen Lebewesen.
Was heißt das nun?
- Christ zu sein kann nicht per se bedeuten den Unterschied in Sexualfragen (in Abgrenzung zu breiten Teilen der Gesellschaft, aus Angst und Selbsterhaltungstrieb) zu machen!
- Sexualethik ist ein wichtiges Thema, allerdings sollte es sich eher auf Fragen der Nächstenliebe, der sexuellen Gewalt und der sexuellen Verantwortung* konzentrieren, als auf die Frage, ob man Sex vor der Ehe haben darf oder einen gleichgeschlechtlichen Sexualpartner.
- Wenn Christen den Unterschied ausmachen wollen, dann sollten sie sich a) den Schwulen und Lesben in anerkennender Nächstenliebe annehmen und zur gesellschaftlichen Integration beitragen und sich b) nicht durch relativ bequeme Scheinkämpfe auf dem Feld der Seuxalethik von den wahren Aufgaben ablenken (Armut, Perspektivlosigkeit, Hunger, Krieg, Angst, Sorgen).
- Für mich als Christen stellt sich die Frage, die sich genauso für jede Kirche, jeden christlichen Verband, jede christliche Gemeinschaft stellt: Was tun? Wie weit geht die Idee des “Verbundenseins in Christus” und wo muss ich mich von sexuell-christlich-fundamentalistischen Gruppierungen abgrenzen und Stellung beziehen? Wo ist es meine Aufgabe ihnen missionarisch zu begegnen? Wo ist es meine Aufgabe den Unterschied zu machen und in den Diskurs der christlichen Szene mit einzusteigen und eine Gegenmeinung zum fundamentalistischen, homophoben Mainstream anzubieten?
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