Ich habe 6 oder 7 Wochen lang auf Facebook verzichtet. Seit dem 16. März. Während dieser Zeit war ich keinmal bei Facebook und das war auch - wie erwartet - gar nicht schlimm. Eigentlich war es völlig egal. Seit gestern wird Facebook wieder unter den “häufigst besuchten Seiten” meines Chrome-Browsers angezeigt. Ich weiß gar nicht wie sich dieser Wert berechnet und wie weit Facebook in der Zwischenzeit nach hinten gespült wurde. In jedem Fall steht es jetzt wieder an der zweiten Stelle und reiht sich in die Miniaturansichten der Websites von ZDF, YouTube, GJW, re:publica und Global Media Journal.
Facebook Zwischendurch: Nur einen Klick entfernt
Ich habe in einem Zeitraum auf Facebook verzichtet, in dem sich relativ viele Aufgabenstränge für Uni, Ehrenamt und Job überkreuzten, verhedderten und verknoteten. Ich dachte mir: Irgendwas muss ich (anders) tun, um in time alles tun zu können, was ich tun muss. So schnitt ich aus meinen alltäglichen Computerarbeitssträngen den Facebook-Faden heraus. Ich ließ mein Passwort ändern. Natürlich hätte ich mit der Mail-Passwort-Abfrage ein neues erstellen können, ich tat es aber nicht. Facebook war nicht länger nur einen Klick entfernt, sondern mindestens vier oder sieben Schritte. Sehn-Sucht und Leidensdruck waren nicht groß genug nicht, alsdass ich den Zugang wiederherstellen wollte. Außerdem war der Ausstieg auf Zeit über die Fastenzeit sozial legitimiert. Es zeigt: Man braucht Facebook nicht unbedingt, aber wenn es schnell und einfach aufgerufen werden kann, dann gebraucht man es.
Langwierige Mikro-Interaktion von Leidensgenossen
Zwischen allen möglichen Dingen, die man am Computer tut, wird die Mikro-Facebook-Pause eingeschoben. Wird mal schnell geklickt, geliked und geirgendwast. Zwischen E-Mail und Hausarbeit tritt das lesen des “Was-machst-du-gerade-Streams”: Links zu irgendwelchen Spiegel-Online-Artikeln, lustige YouTube-Videos, Pressemitteilungen und Marketingposts der Gruppen und Organisationen, die “gefallen” können hier bestaunt werden. Daumen können gedrückt und Kommentare im Stil von “cool”, “neid”, “wow, klasse”, “glückwünsch” oder “haha” verteilt werden. Wenn der Livestream leergelesen ist blieb immernoch die Möglichkeit die eigene Freundeliste durchzugehen und zu schauen, ob sich unbemerkterweise etwas geändert hat oder ob sich ein paar attraktive Freundinnen unter den eigenen Freunden (gn*) verstecken. Natürlich habe ich zumeist vermieden ernsthaft über mein Essen, meine Tagesplanung oder den tollen Ausflug mit meinen coolsten Bekannten (gn*) der Welt zu veröffentlichen. Ein oder zwei möglichst lustige, ironische und höchstens subtil der Selbstdarstellung dienende Postings pro Tag waren aber schon drin. Man hat ja niemanden sonst, mit dem man das teilt, was man den ganzen Tag alleine am Computer audiovisuell verspeist. Kaum ist man - irgendwie - fertig, poppen auch schon wieder rote Zahlen auf, die anzeigen, wie viele Menschen gerade noch vor dem Computer sitzen. Eine Leidensgemeinschaft der Computer-Arbeiter. Ihnen gefällt das! Dass man gerade am Computer sitzt?
Das Facebook-Baby hat hunger
Und selbst wenn man nicht am Computer sitzt und dort proaktiv prokrastiniert, bimmelt das Handy oder blinkt: Das Facebook-Baby schreit und braucht wieder ein bisschen Brustfütterung. Es quängelt: Geh nicht weg, bitte bitte! Während man Tamagotchis (soetwas ähnliches wie Facebook aus den späten Neunziger Jahren) noch ohne soziale Konsequenzen hat sterben lassen können, ist das bei Facebook anders. Wenn ich meinem Freund (gn*) nicht sage, wie toll ich das finde, dass er toll findet, was ich toll finde, dann findet er das gar nicht toll. Dann mag er (gn*) mich vielleicht nicht mehr. Je mehr ich also poste, like, kommentiere, desto größer wird der soziale Druck, wieder zu reagieren. Das selbstverschuldete, sich selbst verstärkende Facebook-Prinzip.
Alternative Glieder in den Handlungsketten
Dieses Prinzip fällt weg, wenn man nicht mehr an der Facebook Live-Konversation teilnimmt. Da dieser Livestream innerhalb des geschlossenen Systems Facebook nur über das Passwort zugänglich ist, war ich von der kommunikativen Skulptur aus Schlagzeilen, Bildern und Videos (Farmville-Anfragen und den Glückskeks gibt’s zum Glück in meinem Strom nicht mehr) ausgeschlossen. In den Atempausen zwischen zwei geschriebenen Sätzen, zwei Telefonaten, zwei Orten oder zwei Gedankenfetzen, die sonst mit Facebook sinn-erfüllt wurden, streunte ich nun auf anderen Seiten mit geringerer Dynamik und niederem Beteiligungszwang herum. Ich las auf vielen Nachrichtenportale, verbrachte meine Leerlaufzeit beim Anschauen von Videos oder der Lektüre von Blogkommentaren. Sicherlich: Alles Ablenkungen, aber keine war in der Lage mich so häufig und so lange an sich zu fesseln wie Facebook.
Facebooks Verlust-Angst
Nach 2 oder 3 Wochen Abwesenheit habe ich eine E-Mail von Facebook bekommen. Ich sei ja bereits seit 2 oder 3 Wochen nicht mehr bei Facebook gewesen, was denn los sei und ob ich nicht Freundin X, Y und Z mal wieder kontaktieren oder meinen Freunden mitteilen wolle, was denn bei mir so los sei.
Nö. Eigentlich nicht. Warum auch? Wozu-hu? Was hat gefehlt? Okay, ich konnte keine politischen Protestaufrufe starten, ich konnte nicht zeigen, welche tollen Sachen man ICH so im Internet finden kann, ich konnte keine witzigen Insiderwortspiele veröffentlichen und auch nicht subtil darauf hinweisen (über Fotos oder so) was ich den lieben langen Tag für tolle Sachen mache. Es war außerdem schwerer möglich die Weisheit der crowd zu nutzen, obwohl ich das einmal wirklich gebraucht hätte. Ich wusste außerdem oft nicht, wie ich Freunde oder Bekannte kontaktieren sollte, weil ich kaum noch Adressbuch führe und in meinem neuen Telefon auch eine Menge von Nummern fehlen. Und: Geburtstage! Geburtstage habe ich mit Sicherheit einige Vergessen. Alles Gute, allen, nachträglich! Da Facebook nicht so richtig Schnittstellen nach außen anbietet, hatte ich keine sinnvolle Kontaktsynchronisation. Das war an einigen Punkten doof, aber so lange man sich noch daran erinnern kann, wen man kontaktieren möchte, bekommt man auch das hin.
Der verlorene Sohn
Gestern abend war es dann so weit. Ich habe mich wieder angemeldet. Facebook hat sich gefreut. Es hat mir eine Mail geschickt und mir gleich einmal mitgeteilt, dass ich mich ja bei Freundin X und Y mal wieder melden könnte. Ob Facebook meinen Beziehungsstatus mit den Seiten verrechnet, die ich häufig besuche, ob es meinen Frauengeschmack kennt? Wahrscheinlich. Und ob ich Fotos gemacht habe, wollte Facebook wissen. Die könne ich ja gleichmal hochladen, damit meine Freunde dann auf gefällt mir klicken und ich dann sage, dass es mir gefällt, dass es meinen Freunden gefällt.
* Anstelle von kompliziert zu lesenden Gender-Silben (z. B. “X,Y,ZlerInnen”) oder dem Einsatz von Schrägstrichen (z. B. “er/sie”) verwende ich den Verweis “gn” als Kürzel für (”Gender-” oder “Geschlechts-Neutral”).

