Ich habe 6 oder 7 Wochen lang auf Facebook verzichtet. Seit dem 16. März. Während dieser Zeit war ich keinmal bei Facebook und das war auch - wie erwartet - gar nicht schlimm. Eigentlich war es völlig egal. Seit gestern wird Facebook wieder unter den “häufigst besuchten Seiten” meines Chrome-Browsers angezeigt. Ich weiß gar nicht wie sich dieser Wert berechnet und wie weit Facebook in der Zwischenzeit nach hinten gespült wurde. In jedem Fall steht es jetzt wieder an der zweiten Stelle und reiht sich in  die Miniaturansichten der Websites von ZDF, YouTube, GJW, re:publica und Global Media Journal.

Facebook Zwischendurch: Nur einen Klick entfernt

Ich habe in einem Zeitraum auf Facebook verzichtet, in dem sich relativ viele Aufgabenstränge für Uni, Ehrenamt und Job überkreuzten, verhedderten und verknoteten. Ich dachte mir: Irgendwas muss ich (anders) tun, um in time alles tun zu können, was ich tun muss. So schnitt ich aus meinen alltäglichen Computerarbeitssträngen den Facebook-Faden heraus. Ich ließ mein Passwort ändern. Natürlich hätte ich mit der Mail-Passwort-Abfrage ein neues erstellen können, ich tat es aber nicht. Facebook war nicht länger nur einen Klick entfernt, sondern mindestens vier oder sieben Schritte. Sehn-Sucht und Leidensdruck waren nicht groß genug nicht, alsdass ich den Zugang wiederherstellen wollte. Außerdem war der Ausstieg auf Zeit über die Fastenzeit sozial legitimiert. Es zeigt: Man braucht Facebook nicht unbedingt, aber wenn es schnell und einfach aufgerufen werden kann, dann gebraucht man es.

Langwierige Mikro-Interaktion von Leidensgenossen

Zwischen allen möglichen Dingen, die man am Computer tut, wird die Mikro-Facebook-Pause eingeschoben. Wird mal schnell geklickt, geliked und geirgendwast. Zwischen E-Mail und Hausarbeit tritt das lesen des “Was-machst-du-gerade-Streams”: Links zu irgendwelchen Spiegel-Online-Artikeln, lustige YouTube-Videos, Pressemitteilungen und Marketingposts der Gruppen und Organisationen, die “gefallen” können hier bestaunt werden. Daumen können gedrückt und Kommentare im Stil von “cool”, “neid”, “wow, klasse”, “glückwünsch” oder “haha” verteilt werden. Wenn der Livestream leergelesen ist blieb immernoch die Möglichkeit die eigene Freundeliste durchzugehen und zu schauen, ob sich unbemerkterweise etwas geändert hat oder ob sich ein paar attraktive Freundinnen unter den eigenen Freunden (gn*) verstecken. Natürlich habe ich zumeist vermieden ernsthaft über mein Essen, meine Tagesplanung oder den tollen Ausflug mit meinen coolsten Bekannten (gn*) der Welt zu veröffentlichen. Ein oder zwei möglichst lustige, ironische und höchstens subtil der Selbstdarstellung dienende Postings pro Tag waren aber schon drin. Man hat ja niemanden sonst, mit dem man das teilt, was man den ganzen Tag alleine am Computer audiovisuell verspeist. Kaum ist man - irgendwie - fertig, poppen auch schon wieder rote Zahlen auf, die anzeigen, wie viele Menschen gerade noch vor dem Computer sitzen. Eine Leidensgemeinschaft der Computer-Arbeiter. Ihnen gefällt das! Dass man gerade am Computer sitzt?

Das Facebook-Baby hat hunger

Und selbst wenn man nicht am Computer sitzt und dort proaktiv prokrastiniert, bimmelt das Handy oder blinkt: Das Facebook-Baby schreit und braucht wieder ein bisschen Brustfütterung. Es quängelt: Geh nicht weg, bitte bitte! Während man Tamagotchis (soetwas ähnliches wie Facebook aus den späten Neunziger Jahren) noch ohne soziale Konsequenzen hat sterben lassen können, ist das bei Facebook anders. Wenn ich meinem Freund (gn*) nicht sage, wie toll ich das finde, dass er toll findet, was ich toll finde, dann findet er das gar nicht toll. Dann mag er (gn*) mich vielleicht nicht mehr. Je mehr ich also poste, like, kommentiere, desto größer wird der soziale Druck, wieder zu reagieren. Das selbstverschuldete, sich selbst verstärkende Facebook-Prinzip.

Alternative Glieder in den Handlungsketten

Dieses Prinzip fällt weg, wenn man nicht mehr an der Facebook Live-Konversation teilnimmt. Da dieser Livestream innerhalb des geschlossenen Systems Facebook nur über das Passwort zugänglich ist, war ich von der kommunikativen Skulptur aus Schlagzeilen, Bildern und Videos (Farmville-Anfragen und den Glückskeks gibt’s zum Glück in meinem Strom nicht mehr) ausgeschlossen. In den Atempausen zwischen zwei geschriebenen Sätzen, zwei Telefonaten, zwei Orten oder zwei Gedankenfetzen, die sonst mit Facebook sinn-erfüllt wurden, streunte ich nun auf anderen Seiten mit geringerer Dynamik und niederem Beteiligungszwang herum. Ich las auf vielen Nachrichtenportale, verbrachte meine Leerlaufzeit beim Anschauen von Videos oder der Lektüre von Blogkommentaren. Sicherlich: Alles Ablenkungen, aber keine war in der Lage mich so häufig und so lange an sich zu fesseln wie Facebook.

Facebooks Verlust-Angst

Nach 2 oder 3 Wochen Abwesenheit habe ich eine E-Mail von Facebook bekommen. Ich sei ja bereits seit 2 oder 3 Wochen nicht mehr bei Facebook gewesen, was denn los sei und ob ich nicht Freundin X, Y und Z mal wieder kontaktieren oder meinen Freunden mitteilen wolle, was denn bei mir so los sei.

Nö. Eigentlich nicht. Warum auch? Wozu-hu? Was hat gefehlt? Okay, ich konnte keine politischen Protestaufrufe starten, ich konnte nicht zeigen, welche tollen Sachen man ICH so im Internet finden kann, ich konnte keine witzigen Insiderwortspiele veröffentlichen und auch nicht subtil darauf hinweisen (über Fotos oder so) was ich den lieben langen Tag für tolle Sachen mache. Es war außerdem schwerer möglich die Weisheit der crowd zu nutzen, obwohl ich das einmal wirklich gebraucht hätte. Ich wusste außerdem oft nicht, wie ich Freunde oder Bekannte kontaktieren sollte, weil ich kaum noch Adressbuch führe und in meinem neuen Telefon auch eine Menge von Nummern fehlen. Und: Geburtstage! Geburtstage habe ich mit Sicherheit einige Vergessen. Alles Gute, allen, nachträglich! Da Facebook nicht so richtig Schnittstellen nach außen anbietet, hatte ich keine sinnvolle Kontaktsynchronisation. Das war an einigen Punkten doof, aber so lange man sich noch daran erinnern kann, wen man kontaktieren möchte, bekommt man auch das hin.

Der verlorene Sohn

Gestern abend war es dann so weit. Ich habe mich wieder angemeldet. Facebook hat sich gefreut. Es hat mir eine Mail geschickt und mir gleich einmal mitgeteilt, dass ich mich ja bei Freundin X und Y mal wieder melden könnte. Ob Facebook meinen Beziehungsstatus mit den Seiten verrechnet, die ich häufig besuche, ob es meinen Frauengeschmack kennt? Wahrscheinlich. Und ob ich Fotos gemacht habe, wollte Facebook wissen. Die könne ich ja gleichmal hochladen, damit meine Freunde dann auf gefällt mir klicken und ich dann sage, dass es mir gefällt, dass es meinen Freunden gefällt.

* Anstelle von kompliziert zu lesenden Gender-Silben (z. B. “X,Y,ZlerInnen”) oder dem Einsatz von Schrägstrichen (z. B. “er/sie”) verwende ich den Verweis “gn” als Kürzel für (”Gender-” oder “Geschlechts-Neutral”).

Posted in Medienwandel at April 26th, 2011. 3 Comments.

Dachte man vor einer Weile noch, dass Zeitungsverleger, Redaktionen und Berufsjournalisten gemerkt hätten, dass die guten alten Zeiten seit ein paar Jahren vorbei sind, wurde diese Einschätzung Ende letzten Jahres wieder einmal enttäuscht. Die Hoffnung, dass Medieninstitutionen nun bereit wären, den Medien- und Gesellschaftswandel konstruktiv mitzugestalten, musste in Folge der Forderung nach einem politisch durchgesetzten Leistungsschutzrecht wieder begraben werden.

Leistung, Schutz, Recht - klingt doch alles ziemlich positiv. Bei zweimaligem darübernachdenken allerdings auch ziemlich abwegig. Wer definiert hier, wessen Leistung, wie zu schützen ist? “Journalist” ist - wenn man das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ernst nimmt -  zu Recht kein geschützter Beruf. Eine Überprüfung dessen, was “journalistischer” Inhalt ist oder nicht, ist völlig unmöglich. Dazu transzendieren und hybridisieren Genres, Formate, Inhalte und Medien zu sehr. Außerdem wachsen die Mengen an allgemein adressierten Medieninhalten exponentiell. Kontrolle wäre nur möglich, wenn zugangsbeschränkte und zentralisierte “journalistische” Plattformen durch irgendeine Instanz (zum Beispiel die Politik) eingeführt werden würden. Hier könnten Inhaltsmengen beschränkt und die Mitglieder einer schreibenden Elite, entsprechend der Leistungsschutzdingens-Idee, entlohnt werden. Man müsste also eine Art “zweites Internet” erfinden, für das man Lizenzen erwerben könnte. Dann bräuchte man noch einen juristisch-polizeilichen Überwachungsapparat, der aufpasst, dass das “unterprivilegierte Internet” die Inhalte vom “upperclass Internet” nicht stiehlt. Das Unterklasse-Internet dürfte nicht einmal - und hier kommen wir zu einer weiteren Forderung des Leistungstralalas - auf das Oberklasse-Internet hinweisen. Zumindest dürfen dabei keine Worte verwendet werden, die auch im Oberklasse-Internet Verwendung finden - es sei denn, man zahlt eine Hinweisgebühr. Das ist ein bisschen wie Tabu. Das Oberklasse-Internet dürfte natürlich auf das Unterklasse-Internet zeigen und verweisen und ihm seine Texte und Bilder und Videos wegnehmen. Ohne Ende, denn es hat ja Recht. Die Macher vom Oberklasse-Internet dürfen auch durch Straßen laufen und Dinge fotografieren und aus Büchern zitieren und sie müssen den Straßen und den Dingen und den Büchern kein Leistungsschutzrecht-Geld bezahlen. Das ist doch irgendwie … ungerecht. Irgendwie.

Leistungschutzrecht ist quatsch. Klaro, merkt jeder! Aber warum fordert man dann trotzdem erstmal? Weil die Berufspolitiker nicht merken, dass es quatsch ist? Weil die so ein Gesetz einfach bewilligen, solange sie sich vor eine Leinwand mit einer Zeitung in der Hand stellen dürfen und Applaus bekommen. Applaus dafür, dass sie sagen, dass “die von uns allen geliebte Zeitung nun endlich wieder Leistung bringen kann und Schutz und Recht hat”? Ja, vielleicht. Ich vermute aber, dass es sich bei der Forderung nach dem Lilaleistungsschutzrecht schlicht und einfach um eine strategische Hinhalte- und Ablenkungstaktik handelt. Perfide und klug! Die Verlage möchten alldiejenigen, die sich für Zeitungen und Journalismus interessieren, mit doofen Themen beschäftigen, bis man selber ein tolles lukratives Zukunftsmodell für das gefunden hat, was bisher Zeitung war. Man möchte politische Innovationsförderung für alternative journalistische Projekte unterbinden, um selber nicht an Reichweite zu verlieren. Verständlich, schließlich muss man ja weiterhin die riesigen Redaktionen, Verwaltungsstellen, Druck- und Vertriebsinstanzen finanzieren. Aber auch: hinterhältig. Man wirft mit mystischen Begriffen, wie digitaler “Kostenloskultur” um sich und kämpft mit den Hobbybeobachtern und Kleinstunternehmern der Blogosphäre. Und das nur, um zu verhindern, dass irgendjemand den zündenden Gedanken, die großartige Idee hat, wie Journalismus und Inhaltsproduktion gegenwärtig und zukünftig gestaltet und finanziert werden können.

Die Verlagsindustrie entwickelt sich in Deutschland zur Montanindustrie der Jetztzeit und hofft nochmal ein paar Jahre - oder für alle Zeit - ihre Existenz sichern zu können. Für die Weiterentwicklung des Journalismus bedeutet das nichts Gutes. Dabei sind wir uns doch alle einig, dass ein besserer, vielfältigerer, nützlicherer Journalismus für alle, die Gesellschaft und die Demokratie großartig wäre. Und das lieber heute als morgen. An dieser Weiterentwicklung können alle mitarbeiten und experimentieren: motivierte, ideenreiche und idealistische Bürger und Journalisten ebenso wie die Alten, die Massenmedien und ihre Verlagshäuser.

Die beschriebene Verzögerungstaktik der Verlage ist nicht neu. Bereits mit dem Aufkommen digitaler journalistischer Konkurrenz im Internet verfolgte man eine Strategie der Blockade, die in anderer Form noch bis heute anhält. Fragte man Anfang bis Mitte der 2000er Jahre Chefredakteure von Zeitungen, warum sie ihre Online-Angebote nicht ausbauten und weiterentwickelten, so erhielt man die Antwort, dass man sich nicht die eigenen Printleser wegnehmen wolle. So gehören Zeitungswebsites bis heute zu den unübersichtlichsten Internetangeboten, die es gibt. Eine Überblicksfunktion (im Sinne von “wissen, was wichtig ist”) für den Leser können die Online-Varianten der Tagespresse in ihrer jetzigen Gestalt kaum gewinnen. Mario Sixtus’ metaphorischer Vorwurf, Zeitungshäuser würden das Internet ohne Sinn und Verstand mit den Inhalten ihrer Redaktionssysteme vollpumpen, trifft an dieser Stelle völlig zu. Die digitalen Bleiwüsten dienen bestenfalls als Nachrichtenticker oder Quellen für Zufallsfunde und “die hübschesten Fußballerfrauen aller Zeiten”. Bei diesem Anblick fragt man sich, was das Wort journalistische Selektion bedeuten könnte. Nicht ohne Grund floriert das Business der Clipping- und Monitoring-Agenturen, die aus dem Informationswirrwarr, den Zeitungen hinterlassen, echte Übersichten für Unternehmen und politische Entscheider zusammenstellen. Es irritiert nur, dass gerade die New York Times, deren Auftritt stark an eine dekonstruierte Variation eines strukturierten Informationsangebots erinnert, nun völlig auf “Online” setzen will. Entweder gehört dies zur Täuschungstaktik des globalen Verlagskartells oder die Times bietet ihren bezahlenden Abonnenten ordentlich aufbereitete digitale Neuigkeiten an. Wer weiß?

Zu den Klassikern der Blockadestrategie der Zeitungen gehörte und gehört neben dem “wir machen’s mal unübersichtlich” auch das Löschen oder “gar-nicht-erst-Publizieren” von Inhalten. Während die Überblicksfunktion über aktuelles Geschehen auf Newswebsites nämlich in der Breite als ausbaufähig zu betrachten ist, könnten Onlinezeitungen durch, bisher nicht gekannte, Archivfunktionen glänzen, und tun dies an einigen Stellen auch. Hier bietet das Internet einen Vorteil zum Print. Doch eben diese Nutzwertsteigerung für den Leser lassen viele, insbesondere die kleineren, lokalen Zeitungen außer Acht. Sie löschen Inhalte einfach nach einer kurzen Weile - warum auch immer. Vielleicht glauben sie ja an die von ihnen selbst erfundene Legende davon, dass Nachrichten, nachdem sie einmal gelesen sind, wertlos werden. Ein öffentliches Archiv kann nicht nur den Nutzwert, sondern auch den Markenwert einer Tageszeitung steigern: Nutzer werden über Suchmaschinen und Hyperlinks noch nach langer Zeit auf die Inhalte von Zeitungen aufmerksam, während die Archive im klassischen Printjournalismus nur schwer zugänglich sind. Neben dem Löschen gibt es noch eine zweite Strategie, die ein öffentliches Archiv, eine Bereicherung des kollektiven Gedächtnisses, verhindert: das Verstecken von Inhalten. Dieses Spiel wird von Zeitungen auf verschiedene Weisen gespielt. Zunächst unternahmen einige Zeitungen den Versuch, alle ihre Inhalte in kostenpflichtigen Premiumbereichen zu verstecken. Damit scheiterten sie jedoch, denn dem Leser standen einfach zu viele alternative Zugangsmöglichkeiten zu Informationen zur Verfügung. In der Folge, und bis heute, depublizieren viele Zeitungen ihre Inhalte nach dem Ablauf einer bestimmten Zeit oder machen bestimmte Segmente ihrer Zeitungen von vorneherein nur gegen Bezahlung verfügbar (insbesondere lokale Informationen, aufgrund von Monopolstellungen). Dabei ist das Verhältnis von Preis und Leistung in vielen Fällen nicht mehr als ein schlechter Witz. Einen Euro oder mehr soll da für einen Artikel bezahlt werden. Ist klar! Während ich für eine ganze Zeitung mit wasweißichwievielen Artikeln Eins-sechzig bezahle, kostet ein einzelner Artikel im Internet einen Euro!? Hey Zeitungen, macht mir ein gutes Angebot! Ein Abo, eine Flatrate, irgendwas!

Alles schlecht! Und was nun? Zum Glück schreitet die Zeit voran und zum Glück gibt es Firmen, denen es völlig egal ist, welchen Aufrur Zeitungen so erzeugen. Firmen, die den strategischen Plan verfolgen, Dinge zu tun. Veränderung vollziehen und dabei - im Gegensatz zum zu pluralistischen “Internet” - eine so große Marktmacht besitzen, dass selbst Zeitungsverlage wie kleine Kinder am Rockzipfel ziehen und sich einbilden, sie hätten sich das neue Ding da, dass die große Firma ihnen zum spielen gibt, schon immer gewünscht.

Und sie spielen nicht einmal so schlecht damit. Sie gestalten Anwendungen, die tatsächlich anwendbar sind. Die Anwendungen heißen nicht Anwednungen, sondern Apps, weil das irgendwie süßer und kindgerechter klingt. Während beim Webdesign der Zeitungen noch die Steigerung “mehr schlecht als schlecht” das Motto war, wurden die Zeitungen vom Apple’schen Ästhetikfieber angesteckt: plötzlich gestalteten sie Apps, die Übersicht über aktuelles Geschehen vermittelten. Apps, die ohne deplazierte Werbung lesbar und die darüberhinaus noch transportierbar wurden. Zeitung konnte wieder da gelesen werden, wo man Zeitung lesen kann: im Bett, auf dem Klo, im Bus. Nachdem die Apps am Anfang sehr klein waren, wurden sie bald schon größer, mittlerweile sehen sie schon ein bisschen aus wie frühere Printprodukte, wie Zeitschriften ungefähr. Sie werden mittlerweile sogar gelayoutet, aufwändig (!) gemachte Videos werden eingebunden und man überlegt, wie man Inhalte am besten arrangieren könnte. Ich würde dafür glatt ein Abo abschließen und wäre bereit dafür 3 oder 5 oder 10 Euro pro Monat zu bezahlen! Das wäre ein gutes Angebot. Und was möchte ich dafür bekommen? Vielleicht einmal eine gebündelte Überblicksvariante - wissen was wichtig ist für einen bestimmten Zeitraum. Die darf ruhig geschlossen sein. Und daneben: eine offene, sich kontinuierlich aktualisierende Archivseite, die vernetzt und verlinkt werden kann, deren Artikel alle frei zugänglich sind. Ich würde alleine dafür - für gute Qualität, die Bündelung, die Selektion, die Sortierungsleistung und die Ästhetik Geld bezahlen. Echt!

Wenn das passiert, dann müssen wir auch nicht mehr über so einen Quatsch, wie das Leistungsschutzrecht reden.

Bald wird es noch leichtere, noch flexiblere, noch größere Endgeräte geben. Diese Endgeräte werden vor allem eines sein: billiger. Viel mehr Menschen werden sie besitzen. Ich bin mal gespannt was dann passiert.

Posted in Medienwandel at Februar 1st, 2011. 19 Comments.

Anni, Birger, Linus und ich haben uns im August einem nervenzeherenden Experiment ausgesetzt. Wir haben uns  einen Tag lang möglichst “socially awkward” im Facebook benommen. Wir wollten einfach mal ein bisschen irritieren, was uns - wenn man sich das Feedback anschaut - sicherlich an einigen Stellen gelungen ist (irritieren = nerven?). Wieviele Facebook-Freunde uns seit diesem Tag aus ihrem Livestream gelöscht haben, würde mich wirklich mal interessieren. Ich habe die Konversation und die auf Facebook geäußerten Reaktionen darauf einmal zeitlich geordnet (der jüngste Beitrag an oberster Stelle, der erste Beitrag ganz unten) zusammengefasst.

Social Media Camouflage - facebook awkward
Posted in Kulturelle Artefakte, Medienwandel at November 21st, 2010. No Comments.

Dieser Eprolog dient der Schließung und Öffnung von contemporaryculture. Ich füge den Eprolog zwischen den letzten Eintrag und den folgenden. Er ist quasi wie Käse. Käse, der den Magen schließt und öffnet. Dass sich ein gleichzeitig geöffneter und geschlossener Magen widerspricht, gebe ich zu. Dass man Käse, trotz dieses Widerspruchs, sowohl die Funktion der Öffnung, als auch der Schließung des Magens zuschreibt, ist der Uneindeutigkeit wissenschaftlicher Studien und alltagsweltlicher Selbstversuche geschuldet, die bemüht waren die Folgen von Käseverzehr zu elaborieren. Offensichtlich kann man im Bereich der Käsefolgenabschätzung nicht einmal Schließ- und Öffnungstendenzen ausmachen. Anders ist es bei eindeutig zu beantwortenden Fragen, wie “können Frauen schlechter einparken als Männer”, “machen Computerspiele dumm/gewalttätig/dick”, “macht onnanieren blind” oder “können Frauen schlechter einparken als Männer”. “Diese Fragen sind eindeutig zu beantworten?”, fragt sich der aufmerksame Leser. Natürlich! Egal, welche der obigen Fragen man googelt, man wird eindeutige Antworten finden. Möchte sich etwa ein Heuschnupfenpatient im Internet informieren, zu welcher Tageszeit er am besten joggen gehen sollte, um dem Pollenflug zu entgehen, so erhält er eindeutige Meinungen. Verschiedene eindeutige Meinungen. Sich widersprechende eindeutige Meinungen:

Mal soll man grundsätzlich morgens joggen gehen, mal grundsätzlich abends, mal soll man es davon abhängig machen, ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt, mal soll man auf jeden Fall in der Stadt morgens joggen, mal in der Stadt abends, mal soll man auf dem Land morgens, mal auf dem Land abends joggen.

Das Internet ist eine große Wahrheitsmaschine. Sie versorgt uns mit der Meta-Wahrheit, dass es keine Wahrheit gibt. Oder mehrere.

Ich liebe Bloggen, weil es eine abenteuerliche Reise ist. Ich liebe Bloggen nicht wirklich. Ich dachte mir aber, dass ein Satz, der mit “Ich liebe Bloggen, weil…” anfängt ganz schick daherkommt. Es ist so ein Satz, der im Stern oder im Focus in einem Kästchen oder in Schriftgröße 16/fett abgedruckt werden würde. Häufig sind diese Schriftgröße 16/fett-Sätze, die einzigen Sätze eines Artikels im Stern oder Focus, die man überhaupt (neben der Über- und Bildunterschrift) liest. Abenteuerliche Reise ist außerdem eine schöne Metapher. Sie macht immer was her und stillt Sehnsüchte. Mit der Liebe zum Bloggen ist es so, wie mit der Suche nach der Wahrheit im Internet. Ich liebe Bloggen manchmal, ich hasse Bloggen aber auch manchmal. Und häufig habe ich eine differenzierte (oder wäre hier “ambivalent” das richtige Wort?) Meinung zum Bloggen. Warum ich Bloggen trotzdem liebe (das wäre wohl der Satz für die Überschrift im Focus-Artikel, allerdings ist es relativ schwierig diesen Satz zu beenden). Ich liebe Bloggen auf eine differenzierte Art und Weise trotzdem, weil es eine abenteuerliche Reise ist. (Sicherlich: Den Satz hätte man, um des Reimes Willen umstellen können.) Die abtenteuerliche Reise beinhaltet Unvorhergesehenes: Erlebnisse entfalten sich auf dem Weg, sind ungeplant. Hinter jeder Ecke, hinter jedem Busch lauert etwas Neues und wo man am Ende in welchem Zustand landet, das ist gewiss ungewiss. So ist es mit dem Bloggen auch. Ich schätze, dass in 75 % aller Fälle ein Blogpost mit einem unvorhergesehenen Ende endet. Bloggen: Ungeplant und wild. Bloggen ist assoziatives Schreiben. Man gleitet über die Bahnen des neuronalen Nervensystems - hüpft vom einen zum nächsten semantisch verbundenen Schlagwort (eigentlich wollte ich an dieser Stelle das “limbische System” anbringen - ich weiß allerdings nicht mehr wofür das zuständig ist). Bloggen ist Improvisationstheater mit sich selbst: Nur mit Erklären, ohne Pantomime und ohne malen.

Ich habe einen tieferen Sinn gesucht. Auch einen tieferen Sinn für das Bloggen. Warum bloggst du? Gerade bei Aktivitäten, die mit dem Computer zusammenhängen, gerät man häufig in Argumentationsdruck. Gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Wie kann ich legitimieren, dass ich blogge? Oder viel grundlegender: Was ist bloggen eingentlich und warum macht man das? Oft - gerade im Zuge der Einführung neuer Technologien - hilft es Analogien aus dem physischen Leben heranzuziehen, um das Neue zu verstehen. Analogien können hilfreich sein, wenn sie angemessen sind, sie können aber auch problematisch sein, wenn sie unangemessen sind. Ich möchte dies kurz am Beispiel erläutern: Lange Zeit habe ich als tradiertes Analogum für ein Blog die Zeitung oder die Zeitschrift gesehen. Entsprechend habe ich Bloggen mit journalistischem Publizieren analog gesetzt. Dies war ein unangemessenes Analogum, ein problematisches Analogum. Warum dies problematisch ist, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, wie der kognitive Prozess des “Analogisierens” abläuft: Ein Blog wird durch die Analogsetzung mit einer Zeitung nicht zur Zeitung. Vielmehr überträgt man mentale Verknüpfungen, die man bislang mit der Zeitung verbunden hat auf das Blog. So werden Eigenschaften der Zeitung ebenso auf das Blog übertragen, wie Erwartungen, die an Zeitungen gestellt werden. Dies führt zu qualitativen und quantitativen Ansprüchen, die in Anbetracht von Frequenz, Länge und thematischer Fokussierung meiner Blogeinträge für Frustration sorgten. Obwohl ich Texte und Bilder veröffentliche, ist mein Blog keine Zeitung, und obwohl ich Zeichenketten arrangiere, bin ich kein Journalist. Ich erreiche nur eine handvoll Menschen, ich schreibe nur recht unregelmäßig, ich habe keinen thematischen Schwerpunkt.

Nachdem ich also festgestellt hatte, dass die Analogie Zeitung/Zeitschrift - Blog für meine Zwecke unangemessen und problematisch ist, machte ich mich auf die Suche nach neuen, passenderen Entsprechungen. Und ich habe sie gefunden: Auf die Frage, warum bloggst du springe ich nun nicht mehr auf den “weil jeder heutzutage Journalist sein kann” Zug auf, sondern stelle andere Vergleiche an: Bloggen ist so etwas wie Lesen oder Kreuzworträtsel lösen, so etwas wie ein Bild malen oder eine SMS schreiben. Es ist eine Freizeitbeschäftigung, die Spaß bereitet.

Related Links:

Posted in Allgemein, Medienwandel at April 24th, 2010. 3 Comments.

Da beteilige ich mich doch mal bei der Aktion von Kai Müller vom Stylespion mit dem Titel

. Es geht darum seine deutschsprachigen Lieblingsblogs zu publizieren. Here we go:

Blogs in meinem Feedreader:

Blogs die ich sonst unregelmäßig lese

Posted in Medienwandel at April 21st, 2009. No Comments.

Das Internet verdrängt zunehmend alle anderen Medien. — Dieter Gorny in DB Mobil (03/2009)

Posted in Kulturelle Artefakte, Medienwandel, Zitate at März 24th, 2009. 13 Comments.

Die Medien sind über Nacht alt geworden, und dafür hassen sie die Jugend. — Haco, Kommentator auf Stefan Niggemeiers Blog (03/2009)

Posted in Medienwandel, Zitate at März 17th, 2009. 2 Comments.

Es ist vorbei. Zoomer.de, das Web 2.0-Nutzer-generieren-Nachrichten-Portal wird dichtgemacht. Noch im vergangenen Jahr versuchte Frank Syré, Chefredakteur der Online-Zeitung, im Rahmen einer Podiumsdiskussionm, die von unserem Fachschaftsrat organisiert wurde, dem interessierten Web-affinen Publikum einzureden zu erklären, warum das Konzept von Zoomer unheimlich Web 2.0 ist.

Das tolle sei, so Syré, dass die Zeitungsleser Zeitungsnutzer mitbestimmen können, wie wichtig ein Artikel ist. Berechnet wird die Bedeutung eines Artikels nicht mittels eines differenzierten Ratingsystems, das für die Bereiche “Unterhaltungswert”, “gesellschaftliche Relevanz” o. ä. verschiedene Skalen bereit hält, sondern - Achtung, Innovation! - durch die Seitenaufrufe, also die Klicks pro Artikel.  Wenn also beispielsweise ganz viele Leute auf den Artikel “Hochhausbrand in Peking: Feuerwerk war Schuld” klicken, weil sie das Bild mit dem brennenden Hochhaus interessant finden, dann wird dieser Artikel nach oben gespült. Unabhängig davon, ob die Leser den Artikel tatsächlich als den wichtigsten oder relevantesten Artikel einstufen würden.

Der Mängel im Rating-System war man sich bei den Holtzbrinck-Jungs von Zoomer wohl bewusst. So baute man einen Regulator ein: Die Relevanz der Artikel wird nicht nur von den Nutzer-Klicks eingestuft, sondern auch die Redaktion kann jedem Artikel einen Relevanz-Wert zuweisen. (Vielleicht merkte man auch, dass es zu den journalistischen Leistungen gehört Informationen nach ihrer Relevanz zu bewerten.)

Insgesamt kann ein Artikel 10 Punkte bekommen. 5 von der Redaktion, 5 durch die Nutzer-Klicks. Ob dieses Konzept die Nutzer als Beteiligte tatsächlich ernst nimmt stelle ich dabei mal in Frage und der Mehrwert eines solchen Angebots ist auch begrenzt. Ich glaube, dass diese Alibi-Hybrid-Lösungen, die versuchen ein digitalisiertes klassisches Medienformat, wie die Zeitung, mit den Prinzipien des Web 2.0 zu verschmelzen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Auf der einen Seite geht es um aufwendige Recherche und Orientierungshilfe, auf der anderen Seite um Offenheit für eine Masse von flexiblen Informationen und soziale Vernetzung.

Bezeichnend dafür wie Nutzergeneriert die News bei Zoomer sind, ist die Reihenfolge der zehn Top-Artikel am gestrigen Abend:

  1. Billionen-Programm: Wie die USA die Krise meistern wollen (Redaktion: 4,8; Klicks: 4,3; Kommentare: 1)
  2. Einfühlsam mit norwegischer Gelassenheit: “Glowing Stars” (Redaktion: 4,6; Klicks: 4,3; Kommentare: 10)
  3. Hochhausbrand in Peking: Feuerwerk war schuld (Redaktion: 3,7; Klicks: 4,5; Kommentare: 18)
  4. Wenn die Titanic absäuft braucht man Rettungsbote (Redaktion: 4,3; Klicks: 3,5; Kommentare: 11)
  5. Äthiopien kaut Khat und wird träge (Redaktion: 3,1; Klicks: 4,3; Kommentare: 17)
  6. Sozialhilfe für Achtlingsmutter - Oma sauer (Redaktion: 3,2; Klicks: 3,8; Kommentare: 18)
  7. Ballack und Bierhoff haben sich wieder lieb (Redaktion: 3,1; Klicks: 2,8; Kommentare: 79)
  8. Es ist vorbei: Zoomer.de geht bald offline (Redaktion: 0,7; Klicks: 5,0; Kommentare: 320)
  9. Obama will Atomwaffen verschrotten (Redaktion: 2,6; Klicks: 3,0; Kommentare: 52)
  10. Sterbehilfe: Italienische Koma-Patientin tot. (Redaktion: 2,7; Klicks: 2,3; Kommentare: 38)

Mittel- und langfristig könnte ich mir gut vorstellen, dass sich zwei online-Angebotstypen  ausdifferenzieren werden:

  • Typ A: Zum einen professionelle digitale Medienangebote, die den klassischen Zeitungs- und Rundfunkangeboten entsprechen: Eine Redaktion oder ein Redakteur beobachtet, verarbeitet, sortiert, produziert, veröffentlicht und archiviert Informationen und Meinungen. Das heißt nicht, dass die Anbieter nicht auch Plattformen vom Typ B für ihre Informationen nutzen könnten. Allerdings kommt es nicht auf die Menge der Informationen an, sondern auf deren Auswahl und Orientierungsqualität (Z. B. Online-Zeitungen, Blogs, Video-Blogs, Podcasts).
  • Typ B: Zum anderen Plattformen, auf denen unendlich viele Daten - ohne Filter - veröffentlicht und begutachtet werden können. Hier kommt es auf die Masse an Informationen an, wobei das nicht gleichzeitig einen Qualitätsverlust bedeuten muss. Das Prinzip und die Nutzung ist einfach ein anderes (Beispiele für solche Angebote: YouTube, FlickR, Delicious)

Dass es sinnvoll oder überhaupt möglich ist, die beiden Prinzipien miteinander zu verschmelzen, halte ich für fragwürdig. Ein Zwischenweg - keine Hybridlösung! - ist die sogenannte Peer-Production, wie sie etwa bei Wikipedia und Einestages.de betrieben wird oder auch das Angebot von Neon, bei dem User-Generated-Content neben redaktionellen Inhalten steht.

PS: Ein tolles Angebot Stile von Typ A ist das Zeug von BalconyTV!

Posted in Allgemein, Medienwandel at Februar 11th, 2009. No Comments.

Die ultimative Hit-Parade der personalisierten online-Werbungs-Ergebnisse. Echt user-generated! Man beachte die politisch nicht ganz korrekte Dramaturgie der personalisierten Online-Werbung:

Suchwort: Musik

Suchwort: Nationalsozialismus

Suchwort: Jesus

Suchwort: Büstenhalter

Suchwort: Christ

Suchwort: Nazi

Zum selber nachspielen, hier der Link: http://de.thefreedictionary.com/

Posted in Kulturelle Artefakte, Medienwandel at Januar 26th, 2009. 1 Comment.

Liebe Freunde,

habe gerade beim Pausieren vom Pausieren auf der Startseite der ZDF-Mediathek (”Empfehlungen der Redaktion”) drei audiovisuelle Leckerbissen gefunden:

  1. Being W. (Satirischer Dokumentarfilm eines französischen Filmemachers über die Polit-Karriere George Ws)
  2. Ein Mann, ein Fjord (Der Film zum Buch von Hape Kerkeling. Laut irgendeiner Kritik, die ich in den letzten Tagen gehört habe, soll der Film zwar einige nicht ganz lustige Stellen haben, im Großen und Ganzen aber lustig sein.)
  3. Elektrischer Reporter - Digitaler Aktivismus

PS: Muss bald mal wieder über Mediatheken, Granularität und die Idle-Time während der Arbeit schreiben.

Posted in Kulturelle Artefakte, Medienwandel at Januar 23rd, 2009. No Comments.