Da es gerade Mode ist und ich eigentlich anderes zu tun habe, drei kurze Zeilen zu meiner Einschätzung des Falls Guttenberg (zur Erinnerung: angeblich bzw. augenscheinlich hat er die Herkunft einer großen Menge von Gedanken in seiner Doktorarbeit nicht gekennzeichnet - kann hier nachvollzogen werden).

Nun diskutiert ganz Deutschland darüber, ob Guttenberg abgeschrieben hat oder nicht. KT selber ist zunächst nur zu einer Äußerung gegenüber ausgewählten Medienvertretern bereit und wird parallel durch einen sichtlich gequälten und mit schlechtem Gewissen ausgestatteten Pressesprecher vertreten, der als Repräsentant der Zigaretten- und Waffenlobby kläglich scheitern würde. Folgt man der Chronologie der Ereignisse (eine sehr nette Quelle bietet das Online-Archiv der Bildzeitung), so kann man Guttis Stolperlauf durch verschiedene Pressetermine gut nachverfolgen: nach und nach - quasi kaskadenartig - ist er gezwungen immer weitere Schuldzugeständnisse zu machen. Während er zunächst noch Plagiatsvorwürfe kategorisch zurückweist, bekennt er später einige Unsauberkeiten (sinngemäße Begründung: “ich war jung, habe sechs Jahre an der Promotion gearbeitet und hatte eine Familie”) und steht plötzlich zu dem Blödsinn den er geschrieben hat. Den er geschrieben hat? Darauf kommen wir abschließend zurück.

Mittlerweile wird in der Öffentlichkeit nicht mehr der Betrug diskutiert, sondern die Frage “wer noch zu ihm hält” und was die anhaltende Begeisterung und Ablehnung für KTs Karriere und den Zustand von Medien, Politik und Demokratie im Allgemeinen bedeutet (vgl. u.a. hier und hier). Außerdem werden Überlegungen angestellt, wie Gutti  mit diesem Schicksal der öffentlichen Denunzierung fertig wird. Als Randnotiz sei bemerkt, dass es sich ganz hervorragend macht, dass KT Verteidigungsminister ist und die Bildzeitung dadurch noch wortwitziger eine Art Bürgerkrieg um den Feldherrn inszenieren kann. Wie in verschiedenen Bürgerkriegen und Revolutionen der Geschichte, wird Guttenberg vom Militär gestützt und von der intellektuellen Elite kritisiert. Eine Trennung zwischen Akademie und Volk wird konstruiert. Bei Facebook befürwortet eine Vielzahl von Menschen die Beendung des Themas.

Die Frage, die mich vielmehr bewegt und der man auf den Grund gehen sollte ist eine, die das Verhalten verschiedener Akteure (insb. das Verhalten von Guttenberg und Bild) erklären würde und die wahrscheinlich einen radikalen Meinungsumschwung zur Folge hätte: Hat Guttenberg den Doktortitel gekauft? Hat er einen Ghostwriter seine Dissertation “schreiben” lassen? Ich gebe zu, ich bin nicht der erste, der diesen Verdacht äußert. Trotzdem ein interessanter Gedanke: Während im Volk noch die Meinung herrscht, dass ein Plagiat ja eine Art “Kavaliersdelikt” sei (vgl. allgemeine Debatte um “geistiges Eigentum”), würde die Aufdeckung eines erkauften Doktortitels wahrscheinlich von einer breiten Bevölkerungsmehrheit als unlauteres Verhalten eingeschätzt. Moralisch wäre es etwas anderes, wenn Gutti nicht (mehr oder weniger) versehentlich “abgeschrieben” hat (und dabei selber aktiv war), sondern gar nichts für den Titel getan hat (außer eine Überweisung zu tätigen). Dies könnte auch erklären, warum KT zunächst so unbeholfen auf Kritik reagierte. Unüblich ist der Einkauf einer Dissertation nicht - im Feld der Medizin und bei berufsbegleitenden Dissertationen scheint dies an der Tagesordnung. Die Verdachtsäußerungen, dass Guttenberg die Doktorarbeit von seinen Mitarbeitern, die von Steuergeldern bezahlt werden, (zumindest zu Teilen) hat zusammenkopieren lassen kursieren bereits, sind jedoch nicht sonderlich prominent - mal sehen, ob sie noch weiter verfolgt werden.

Posted in Allgemein at Februar 28th, 2011. 2 Comments.

Gestern gefeiert, dass bald Weihnachten ist. Oder uns selbst. Oder so. Heute ein bisschen schwer und träge und ohne zeitkritische Aufgaben. Zumindest ohne ganz-arg zeitkritische. Ich bin allein in der Wohnung - und selbst die lärmempflindlichen Nachbarn scheinen über die Feiertage ausgeflogen zu sein. Naheliegend, im Internet, im Hangover, herumzustromern. Im Internet, da stieß ich auf den Weihnachtsbaum, ein bedenkenswertes kulturelles “Ikun”, und diverse kritische Anfragen an ihn und sein Dekor.

Aus der größten Inspirationsmaschine der Welt, habe ich einige anregende Weihnachtstannen und Weihnachtsbäume zusammengetragen, die für’s nächste Jahr als Vorlage für die eigene Weihnachtsdekoration dienen können - vielleicht wirft ja der ein oder andere auch dieses Jahr die Blautanne mit roten Kugeln schon vor Knut aus dem Fenster und steigt noch schnell auf eines dieser etwas avantgardistischeren Modelle um. (Sehr interessant scheint auch folgende Seite und die zugehörige Ausstellung der HFG Karlsruhe zu sein: http://ohtannenbaum.org/)

Der Klassiker - nicht energiesparend

(1) Der Klassiker - nicht energiesparend

Deplatziert - Dekontextualisiert

(2) Deplatziert - Dekontextualisiert

quasi 2-D (Relief)

(3) quasi 2-D (Relief)
Lattenzaun

(4) Lattenzaun

Minimalistisch

(5) Minimalistisch
Pink und plastisch

(6) Pink und plastisch

Der streitbare Hauptstadtbaum 2010

(7) Der streitbare Hauptstadtbaum 2010

Wall-Art

(8) Wall-Art

Glas und Ornamente

(9) Glas und Ornamente

Krims-Kram-Baum

(10) Krims-Kram-Baum

Spielzeugbaum

(11) Spielzeugbaum

Tafelkreide?

(12) Tafelkreide?

Recycleter Hopfenbaum

(13) Recycleter Hopfenbaum

Traditionell anders

(14) Traditionell anders

Textilkunst? Taschentücher? Mausespeck?

(15) Textilkunst? Taschentücher? Mausespeck?

Für Bücherwürmer

(16) Für Bücherwürmer

IT-Nerd-Retro-Weihnachten

(17) IT-Nerd-Retro-Weihnachten

Lichtkreis-Schichten

(18) Lichtkreis-Schichten

Kein Baum aus Bier, sondern aus Energydrinks

(19) Kein Baum aus Bier, sondern aus Energydrinks

Elektrische Würfel

(20) Elektrische Würfel

(21) Zwar keine Dreiecksform und Nadeln, aber immerhin Schmuck

Nachtrag: Schei*e, die Nachbarn sind doch nicht weg.


Bildquellen:
(1) http://stevennika.wordpress.com/
(2) http://www.flickr.com/photos/inazuman/79034717/
(3) http://interiordesign.conanecu.ro/how-will-you-make-your-christmas-tree-special-this-season/
(4) http://interiordesign.conanecu.ro/how-will-you-make-your-christmas-tree-special-this-season/
(5) http://www.annesage.com/blog/2009/12/christmas-tree-style-bare-and-beautiful.html
(6) http://decorati0n.com/designs/decoration/christmas-tree-or-christmas-tree/
(7) http://dolomitengeisteu-dolomitengeist.blogspot.com/2010/11/deutscher-migrantenstadelder.html
(8) http://walyou.com/cool-christmas-trees/
(9) http://www.flickr.com/photos/41086422@N00/3112828339/
(10) http://www.coolhunting.com/design/artware-vinyl-c.php
(11) http://www.coolhunting.com/design/artware-vinyl-c.php
(12) http://www.lushlee.com/2009/12/diy-mini-wooden-tree/
(13) http://poppypetunia.blogspot.com/2009/12/green-toast-to-tree.html
(14) http://greenlanternpress.wordpress.com/2008/12/24/with-open-arms/
(15) http://fashionbeyondfashion.files.wordpress.com/
(16) http://blog.stuttgarter-zeitung.de/bucher/2009/12/24/happy-printernet/
(17) http://ohtannenbaum.org/index.php
(18) http://www.treehugger.com/files/2010/12/israeli-artist-christmas-tree-reycled-plastic-bottles.php
(19) http://decorati0n.com/designs/decoration/christmas-tree-or-christmas-tree/
(20) http://walyou.com/christmas-trees-bizarre/
(21) http://www.allthingschristmas.com/trees/christmas-palm.php

Posted in Allgemein, Kulturelle Artefakte at Dezember 22nd, 2010. 1 Comment.

Die Kindheitshelden-Wochen bei Facebook haben es gezeigt: Comics, Bücher, Hörspiel-Kassetten, Spielzeugfiguren, Filme und Serien haben unser Leben - in welcher Form auch immer - beeinflusst.

  • Vielleicht sind wir Kapitalisten oder Knauser, weil wir in Dagobert Duck mit seinem Geldspeicher und seiner Sparsamkeit, die selbst bei seinen Neffen und Großneffen nicht aufhörte, ein Rollenvorbild für den Umgang mit Geld und Familie hatten.
  • Vielleicht sind wir Gutmenschen, weil die Freunde von TKKG uns vorgelebt haben, wie es sich gehört zu leben.
  • Vielleicht sind wir Umweltschützer, weil Captain Planet mit “Feuer, Wasser, Liebe und grünen Haaren” regelmäßig den Planeten gerettet hat.

In jedem Fall finden wir - zumindest ich - die Geschichten und Figuren noch heute toll, und sei es, weil sie uns/mich an unsere/meine Kindheit, an Sicherheit, Familie und so weiter erinnern und ein Teil von uns/mir sind oder weil wir/ich noch immer so werden wollen/will wie sie. So spare ich derzeit auf alle Bände von Spirou und Fantasio und denke immernoch darüber nach mir alle Kassetten(!) der  Drei Fragezeichen zu kaufen.

Man hat - ich habe - das Bedürfnis seine Kindheit zu erinnern¹. Alles schön und gut, solange sich dieses Erinnern, dieses Konservieren darauf beschränkt, dass man heimlich Michel aus Lönneberga im Fernsehen schaut und auf dem Flohmark alte Actionfiguren kauft. Was man aber - bei aller Liebe - tunlichst vermeiden sollte, ist seine Kinder nach den Helden der eigenen Kindheit zu benennen. Meine Top-10 Kindernamen, die man seinem Kind auf keinen Fall geben sollte²:

TOP-10 Mädchennamen

  1. Pipi [Nachname einsetzen]
  2. Arielle [Nachname einsetzen]
  3. Barby [Nachname einsetzen]
  4. Schlumpfine [Nachname einsetzen]
  5. Wendy [Nachname einsetzen]
  6. Pocahontas [Nachname einsetzen]
  7. Buffy [Nachname einsetzen]
  8. Cinderella [Nachname einsetzen]
  9. Bibi [Nachname einsetzen]
  10. Sailor Moon/Merkus/Mars/Venus usw. [Nachname einsetzen]

TOP-10 Jungennamen

  1. Hulk [Nachname einsetzen]
  2. Rambo [Nachname einsetzen]
  3. Alfred-Jodokus [Nachname einsetzen]
  4. Tik [Nachname einsetzen]
  5. Trik & Trak [Nachname einsetzen]
  6. Tsubasa [Nachname einsetzen]
  7. Spirou (& Fantasio) [Nachname einsetzen]
  8. Popeye [Nachname einsetzen]
  9. Indiana [Nachname einsetzen]
  10. Goofy [Nachname einsetzen]
  11. Darkwing [Nachname einsetzen]
  12. Michael-Knight [Nachname einsetzen]

Man sollte seine Kinder übrigens auch nicht nach Gewürzsorten benennen:

  1. Estragon [Nachname einsetzen]
  2. Oregano [Nachname einsetzen]

¹ Ja, ich weiß, “ich erinnere” geht als Redewendung gar nicht!
² Schon klar, es gibt einige Namen, die gehen schon, die ganzen Astrid Lindgren-Charaktere (Michel, Lotta, Madita, Ronja) sind natürlich absolut passend für jedes hippe Elternpaar. Mila, Xena und so gehen auch.

Posted in Allgemein at Dezember 5th, 2010. 4 Comments.

Posted in Allgemein at November 17th, 2010. No Comments.

Letzten Mittwoch Leute getroffen, die mir erklärt haben, dass der Euro in einer unüberwindbaren Krise ist. Sie meinten, dass die D-Mark zurückkommen muss. Ich war ziemlich niedergeschlagen nach diesem Gespräch. Glücklicherweise hat Martin ein thüringer Orakel getroffen, das weiß, wie man Griechenland retten kann:

Griechenland retten

Posted in Allgemein at Mai 16th, 2010. No Comments.

Leide derzeit unter akuten Schlafstörungen. Korreliert eng mit der Anzahl der Dinge, die ich ich zu erledigen habe und der Zeit bzw. dem Raum diese Dinge zu erledigen bzw. der Fähigkeit sich von diesen Dingen gedanklich zu befreien (Stressmanagement).

Die Schlafstörungen führen dazu, dass ich nachts fern sehe. Gestern z. B. WDR. WDR hat ein interessantes Programmkonzept für den Sonntagabend. Ich habe das mal grafisch dargestellt:

Bei Rockpalast spielen irgendwelche unbekannten Musiker Musik. Mehr nicht. Ich mag es nicht. Es ist langweilig und es ist keine Musik, die mir gefällt. Es ist irgendwie frühe 90er-Jahre. Bloggen = ja auch Meinungsmache. Das führt dazu, dass ich auf ZDF umschalten muss. Dort kommt das philosophische Quartett. Wenn der WDR klug wäre, dann würden sie das Niveau auch nach 00:15 hoch halten und TV Noir kaufen (mieten, übernehmen, anheuern, ausstrahlen). Dort war ich gestern abend vor 00:15. Eine sehr schöne Show mit Agnes Obel und Mikroboy. Ich hatte TV Noir schon einmal im Internet gesehen und hatte es auf meine Kultur-ToDo-Liste geschrieben. Agnes ist blond und niedlich. Ich kannte sie vorher nicht. Sie ist Dänin und klingt - abstrakt - ähnlich wie Yael Naim. Deswegen hat die deutsche Telekom auch ihr Lied gekauft und es zur Untermalung ihres T-Mobile Spots verwendet.

“Das ist s[ch]on komis[ch]“, meint Agnes dazu. Niedlich, gell. Mikroboy ist auch eine gute Gruppe. Der Sänger ist sympathisch. Ich mag auch das Plattencover ihres Albums. Oft geht es ja um Sympathie und Ästhetik. Ich mag zum Beispiel Revolverheld nicht. Nicht die Musik von denen, die mag ich auch nicht, aber irgendwie mag ich die Band nicht. Wir sind Helden finde ich zum Beispiel sympathisch. Tomte finde ich nicht symapthisch. Die Sportfreunde Stiller finde ich sympathisch. Die Musik von Mikroboy fand ich auch gut. Der Sänger sieht sehr unterhaltsam aus beim Singen und sein Freund Steffen oder Stefan im Hintergrund hatte ein sehr langes Pony und einen dichten Bart.

Während Agnes Obel “ein bischen melancholis[ch]e Musik” machte, war die Musik von Mikroboy schneller. Das war eine sehr harmonische Mischung. Tex Drieschner, selber Musiker, Moderator und Erfinder von TV Noir ist schlagfertig, unterhaltsam und eine coole Sau. Das Konzept: Es gibt ein fleischgewordenes Jingle mit Goldkrönchen, einen Überraschungsgast aus dem Publikum, kurze Interviews, 3 Akustik-Lieder der Künstler, jeweils einen Coversong jedes Künstlers und ein Lied, das vom Publikum bestimmt werden darf, Couch, Couchtisch und goldenen Bilderrahmen. Hatte ich schon erwähnt, dass Cello ganz toll klingt?

Tex hat auf der re:publica in der Reihe “Lagerfeuergespräche von Innovatoren” sein Konzept vorgestellt. Liebe Programmdirektion des WDR einfach mal reinhören. Bislang läuft TV Noir noch beim OK-Berlin (Alex TV o. so ä.). Neben seinem eigenen innovativen Erfolgskonzept hat Tex fünf weitere “Digitale Innovatoren” eingeladen, die auf der re:publica unter dem Label “Innovators by the fire” ihre Ideen vorgestellt und diskutiert haben:

Nachtrag: Bei der Titelgebung dieses Beitrags habe ich mich zu Teilen von einer überaus erfolgreichen Veranstaltung des Fachschaftsrats Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt inspirieren lassen: Podiumsdiskussion “Innovationsstau im TV“, 30. Juni 2009 (Toller Reim btw!)

Posted in Allgemein at Mai 3rd, 2010. 3 Comments.

Ich bin gerade dabei die rund 70 aufgezeichneten Vorträge der re:publica 2010 anzuhören (die mp3-Files gibt’s hier zum downloaden). In den kommenden Tagen möchte ich einige der Ideen und Gedankengänge nochmals hier aufnehmen und reflektieren. Zum Einstieg aber zunächst ein wunderbares, humorvolles Video von Martin, das Kernthemen und Hauptpersonen der re:publica einführt.

Zugehörige re:publica 2010 Links:

Posted in Allgemein at April 24th, 2010. No Comments.

Dieser Eprolog dient der Schließung und Öffnung von contemporaryculture. Ich füge den Eprolog zwischen den letzten Eintrag und den folgenden. Er ist quasi wie Käse. Käse, der den Magen schließt und öffnet. Dass sich ein gleichzeitig geöffneter und geschlossener Magen widerspricht, gebe ich zu. Dass man Käse, trotz dieses Widerspruchs, sowohl die Funktion der Öffnung, als auch der Schließung des Magens zuschreibt, ist der Uneindeutigkeit wissenschaftlicher Studien und alltagsweltlicher Selbstversuche geschuldet, die bemüht waren die Folgen von Käseverzehr zu elaborieren. Offensichtlich kann man im Bereich der Käsefolgenabschätzung nicht einmal Schließ- und Öffnungstendenzen ausmachen. Anders ist es bei eindeutig zu beantwortenden Fragen, wie “können Frauen schlechter einparken als Männer”, “machen Computerspiele dumm/gewalttätig/dick”, “macht onnanieren blind” oder “können Frauen schlechter einparken als Männer”. “Diese Fragen sind eindeutig zu beantworten?”, fragt sich der aufmerksame Leser. Natürlich! Egal, welche der obigen Fragen man googelt, man wird eindeutige Antworten finden. Möchte sich etwa ein Heuschnupfenpatient im Internet informieren, zu welcher Tageszeit er am besten joggen gehen sollte, um dem Pollenflug zu entgehen, so erhält er eindeutige Meinungen. Verschiedene eindeutige Meinungen. Sich widersprechende eindeutige Meinungen:

Mal soll man grundsätzlich morgens joggen gehen, mal grundsätzlich abends, mal soll man es davon abhängig machen, ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt, mal soll man auf jeden Fall in der Stadt morgens joggen, mal in der Stadt abends, mal soll man auf dem Land morgens, mal auf dem Land abends joggen.

Das Internet ist eine große Wahrheitsmaschine. Sie versorgt uns mit der Meta-Wahrheit, dass es keine Wahrheit gibt. Oder mehrere.

Ich liebe Bloggen, weil es eine abenteuerliche Reise ist. Ich liebe Bloggen nicht wirklich. Ich dachte mir aber, dass ein Satz, der mit “Ich liebe Bloggen, weil…” anfängt ganz schick daherkommt. Es ist so ein Satz, der im Stern oder im Focus in einem Kästchen oder in Schriftgröße 16/fett abgedruckt werden würde. Häufig sind diese Schriftgröße 16/fett-Sätze, die einzigen Sätze eines Artikels im Stern oder Focus, die man überhaupt (neben der Über- und Bildunterschrift) liest. Abenteuerliche Reise ist außerdem eine schöne Metapher. Sie macht immer was her und stillt Sehnsüchte. Mit der Liebe zum Bloggen ist es so, wie mit der Suche nach der Wahrheit im Internet. Ich liebe Bloggen manchmal, ich hasse Bloggen aber auch manchmal. Und häufig habe ich eine differenzierte (oder wäre hier “ambivalent” das richtige Wort?) Meinung zum Bloggen. Warum ich Bloggen trotzdem liebe (das wäre wohl der Satz für die Überschrift im Focus-Artikel, allerdings ist es relativ schwierig diesen Satz zu beenden). Ich liebe Bloggen auf eine differenzierte Art und Weise trotzdem, weil es eine abenteuerliche Reise ist. (Sicherlich: Den Satz hätte man, um des Reimes Willen umstellen können.) Die abtenteuerliche Reise beinhaltet Unvorhergesehenes: Erlebnisse entfalten sich auf dem Weg, sind ungeplant. Hinter jeder Ecke, hinter jedem Busch lauert etwas Neues und wo man am Ende in welchem Zustand landet, das ist gewiss ungewiss. So ist es mit dem Bloggen auch. Ich schätze, dass in 75 % aller Fälle ein Blogpost mit einem unvorhergesehenen Ende endet. Bloggen: Ungeplant und wild. Bloggen ist assoziatives Schreiben. Man gleitet über die Bahnen des neuronalen Nervensystems - hüpft vom einen zum nächsten semantisch verbundenen Schlagwort (eigentlich wollte ich an dieser Stelle das “limbische System” anbringen - ich weiß allerdings nicht mehr wofür das zuständig ist). Bloggen ist Improvisationstheater mit sich selbst: Nur mit Erklären, ohne Pantomime und ohne malen.

Ich habe einen tieferen Sinn gesucht. Auch einen tieferen Sinn für das Bloggen. Warum bloggst du? Gerade bei Aktivitäten, die mit dem Computer zusammenhängen, gerät man häufig in Argumentationsdruck. Gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Wie kann ich legitimieren, dass ich blogge? Oder viel grundlegender: Was ist bloggen eingentlich und warum macht man das? Oft - gerade im Zuge der Einführung neuer Technologien - hilft es Analogien aus dem physischen Leben heranzuziehen, um das Neue zu verstehen. Analogien können hilfreich sein, wenn sie angemessen sind, sie können aber auch problematisch sein, wenn sie unangemessen sind. Ich möchte dies kurz am Beispiel erläutern: Lange Zeit habe ich als tradiertes Analogum für ein Blog die Zeitung oder die Zeitschrift gesehen. Entsprechend habe ich Bloggen mit journalistischem Publizieren analog gesetzt. Dies war ein unangemessenes Analogum, ein problematisches Analogum. Warum dies problematisch ist, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, wie der kognitive Prozess des “Analogisierens” abläuft: Ein Blog wird durch die Analogsetzung mit einer Zeitung nicht zur Zeitung. Vielmehr überträgt man mentale Verknüpfungen, die man bislang mit der Zeitung verbunden hat auf das Blog. So werden Eigenschaften der Zeitung ebenso auf das Blog übertragen, wie Erwartungen, die an Zeitungen gestellt werden. Dies führt zu qualitativen und quantitativen Ansprüchen, die in Anbetracht von Frequenz, Länge und thematischer Fokussierung meiner Blogeinträge für Frustration sorgten. Obwohl ich Texte und Bilder veröffentliche, ist mein Blog keine Zeitung, und obwohl ich Zeichenketten arrangiere, bin ich kein Journalist. Ich erreiche nur eine handvoll Menschen, ich schreibe nur recht unregelmäßig, ich habe keinen thematischen Schwerpunkt.

Nachdem ich also festgestellt hatte, dass die Analogie Zeitung/Zeitschrift - Blog für meine Zwecke unangemessen und problematisch ist, machte ich mich auf die Suche nach neuen, passenderen Entsprechungen. Und ich habe sie gefunden: Auf die Frage, warum bloggst du springe ich nun nicht mehr auf den “weil jeder heutzutage Journalist sein kann” Zug auf, sondern stelle andere Vergleiche an: Bloggen ist so etwas wie Lesen oder Kreuzworträtsel lösen, so etwas wie ein Bild malen oder eine SMS schreiben. Es ist eine Freizeitbeschäftigung, die Spaß bereitet.

Related Links:

Posted in Allgemein, Medienwandel at April 24th, 2010. 3 Comments.

Apocalypse now! Die Schweinegrippe greift um sich. Ich hatte sie schon zweimal diesen Herbst. Meine Hochschule führt, entsprechend des Thüringer Influenza Pandemieplans,  “antiepidemische Maßnahmen” ein und installiert in jedem Lehrgebäude Sanitizer-Stationen an den Treppenaufgängen. Geholfen haben sie - zumindest mir - nicht. Verständlich - so bedarf es entweder eines funktionierenden Kontrollsystems (z. B. “Überwachungskameras und Bußgelder”) oder starker Anreize (z. B. “Spaß”), um zu gewährleisten, dass sich jede/r die Finger 20-30 Sekunden einreibt und von Viren und Bakterien befreit. Weder Anreize noch Kontrolle können aktuell geboten/gewährleistet werden. But! Ich habe die Lösung! Spaßfreies Händesäubern war gestern! Hygienespaß ist heute! Meine kleine Cousine machte uns heute darauf aufmerksam, dass man beim Händewaschen Seifenblasen machen kann! Sei-fen-bla-sen! Nur mit den Fingern, mit Flüssigseife und Wasser! Hände einseifen, Seife nicht komplett abwaschen, Daumen und Zeigefinger zum Kreis formen und sanft durch diesen Kreis pusten. Highly recommended! Welch ein fröhliches Bild im tristen Herbst wird es sein, wenn die Menschen in einigen Tagen mit schillernden Seifenblasen an den Händen über den Uni-Campus tanzen werden.

Doch ein Problem müssen wir vorher noch lösen: Das Desinfektionsmittel in den Sanitizer-Stationen an der Uni ist zu trocken, um damit Seifenblasen zu machen und Wasseranschluss besitzen die Ständer auch nicht. Mal sehen, ob ich da guerillamäßig was einrichten kann in den nächsten Tagen.

Posted in Allgemein at November 14th, 2009. No Comments.

Bin morgen als Vertreter des GJW-Bundesvorstandes in Neustrelitz zur Ordination des neuen Jugendreferentens. Nun habe ich alter Fuchs mir gedacht: “Bringste mal nen Weinchen als Geschenk mit.” So verbrachte ich mehrere Dezi-Minuten im Weinfachhandel meines Vertrauens, um mich schließlich von einer hübschen Blechdose und dem Schriftzug “Cabernet Sauvignon” auf dem Preisschild überzeugen zu lassen.

Nachdem ich dann wieder zuhause angekommen war, fragte ich mich, ob der Name “Casillero del Diablo” vielleicht nicht der passende Wein für die Einführung eines Diakons in einem christlichen Jugendverband sein könnte. Ich überlegte noch kurz, ob ich einen Witz bezüglich “Anfechtung und Standhaftigkeit” oder so bei der Übergabe machen sollte, musste dann aber feststellen, dass auch das Emblem, das auf dem Flaschenhalz angebracht war - irgendwie unpassend war.

Diese Erfahrung stützt die These, dass meine Wahrnehmung hochgradig selektiv zu sein scheint.

Posted in Allgemein at September 5th, 2009. 1 Comment.