Da es gerade Mode ist und ich eigentlich anderes zu tun habe, drei kurze Zeilen zu meiner Einschätzung des Falls Guttenberg (zur Erinnerung: angeblich bzw. augenscheinlich hat er die Herkunft einer großen Menge von Gedanken in seiner Doktorarbeit nicht gekennzeichnet - kann hier nachvollzogen werden).

Nun diskutiert ganz Deutschland darüber, ob Guttenberg abgeschrieben hat oder nicht. KT selber ist zunächst nur zu einer Äußerung gegenüber ausgewählten Medienvertretern bereit und wird parallel durch einen sichtlich gequälten und mit schlechtem Gewissen ausgestatteten Pressesprecher vertreten, der als Repräsentant der Zigaretten- und Waffenlobby kläglich scheitern würde. Folgt man der Chronologie der Ereignisse (eine sehr nette Quelle bietet das Online-Archiv der Bildzeitung), so kann man Guttis Stolperlauf durch verschiedene Pressetermine gut nachverfolgen: nach und nach - quasi kaskadenartig - ist er gezwungen immer weitere Schuldzugeständnisse zu machen. Während er zunächst noch Plagiatsvorwürfe kategorisch zurückweist, bekennt er später einige Unsauberkeiten (sinngemäße Begründung: “ich war jung, habe sechs Jahre an der Promotion gearbeitet und hatte eine Familie”) und steht plötzlich zu dem Blödsinn den er geschrieben hat. Den er geschrieben hat? Darauf kommen wir abschließend zurück.

Mittlerweile wird in der Öffentlichkeit nicht mehr der Betrug diskutiert, sondern die Frage “wer noch zu ihm hält” und was die anhaltende Begeisterung und Ablehnung für KTs Karriere und den Zustand von Medien, Politik und Demokratie im Allgemeinen bedeutet (vgl. u.a. hier und hier). Außerdem werden Überlegungen angestellt, wie Gutti  mit diesem Schicksal der öffentlichen Denunzierung fertig wird. Als Randnotiz sei bemerkt, dass es sich ganz hervorragend macht, dass KT Verteidigungsminister ist und die Bildzeitung dadurch noch wortwitziger eine Art Bürgerkrieg um den Feldherrn inszenieren kann. Wie in verschiedenen Bürgerkriegen und Revolutionen der Geschichte, wird Guttenberg vom Militär gestützt und von der intellektuellen Elite kritisiert. Eine Trennung zwischen Akademie und Volk wird konstruiert. Bei Facebook befürwortet eine Vielzahl von Menschen die Beendung des Themas.

Die Frage, die mich vielmehr bewegt und der man auf den Grund gehen sollte ist eine, die das Verhalten verschiedener Akteure (insb. das Verhalten von Guttenberg und Bild) erklären würde und die wahrscheinlich einen radikalen Meinungsumschwung zur Folge hätte: Hat Guttenberg den Doktortitel gekauft? Hat er einen Ghostwriter seine Dissertation “schreiben” lassen? Ich gebe zu, ich bin nicht der erste, der diesen Verdacht äußert. Trotzdem ein interessanter Gedanke: Während im Volk noch die Meinung herrscht, dass ein Plagiat ja eine Art “Kavaliersdelikt” sei (vgl. allgemeine Debatte um “geistiges Eigentum”), würde die Aufdeckung eines erkauften Doktortitels wahrscheinlich von einer breiten Bevölkerungsmehrheit als unlauteres Verhalten eingeschätzt. Moralisch wäre es etwas anderes, wenn Gutti nicht (mehr oder weniger) versehentlich “abgeschrieben” hat (und dabei selber aktiv war), sondern gar nichts für den Titel getan hat (außer eine Überweisung zu tätigen). Dies könnte auch erklären, warum KT zunächst so unbeholfen auf Kritik reagierte. Unüblich ist der Einkauf einer Dissertation nicht - im Feld der Medizin und bei berufsbegleitenden Dissertationen scheint dies an der Tagesordnung. Die Verdachtsäußerungen, dass Guttenberg die Doktorarbeit von seinen Mitarbeitern, die von Steuergeldern bezahlt werden, (zumindest zu Teilen) hat zusammenkopieren lassen kursieren bereits, sind jedoch nicht sonderlich prominent - mal sehen, ob sie noch weiter verfolgt werden.

Posted in Allgemein at Februar 28th, 2011. Trackback URI: trackback
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2 Responses to “Guttenberg: Nicht kopiert, sondern gekauft”

  1. Februar 28th, 2011 at 14:10 #Markus K

    Als Autor der eigenen Arbeit verliert man einfach nicht den Überblick über SO VIELE Zitate und glaubt dann noch gänzlich, dass sie eine Eigenleistung wären. Entweder hat Gutti also da gelogen oder er hat sie eben schreiben lassen. Was dazwischen gibt es nicht.

  2. Juli 14th, 2011 at 10:11 #Brian Mobilia

    Excellent article and easy to understand explanation. How do I go about getting permission to post part of the article in my upcoming news letter? Giving proper credit to you the author and link to the site would not be a problem.

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