Noch ein bisschen Adhoc-Wissenschaft zur späten Stunde: Derzeit keimt in gesellschaftlichen Institutionen, deren Existenz und Binnenkultur mehr oder weniger stark vom freiwilligen Engagement abhängt bzw. geprägt wird, ein Diskurs auf, der den Rückgang von ehrenamtlichen Teilhabern beklagt. Zum einen würden sich weniger Menschen engagieren, zum anderen würden diejenigen, die sich engagieren ein immer kleiner werdendes Zeitkontigent für die freiwillige Tätigkeit besitzen. Als Gründe werden private, berufliche und verstärkt auch schulische oder universitäre Verfplichtungen genannt.

Während man an dem gesellschaftlichen Zustand der Multioptionalität in Bezug auf Freizeitgestaltung nichts ändern kann (und dies auch nicht wollen sollte), sucht man nach Incentives, die gegen das Primat von Arbeit und arbeitsmarktorientierter Ausbildung bestehen können. So lauten die Ideen etwa “wir fordern/vergeben Credit-Points für ehrenamtliches Engagement” (so jüngst eine Forderung einiger Jugendfunktionäre in einem kirchlichen Jugendverband bzw. das Angebot der hiesigen Fachhochschule). Berufstätige will man darüber hinaus anregen verstärkt die Möglichkeit des Sonderurlaubs wahrzunehmen; andere Vorschläge möchten Ehrenamtler sogar mit höheren Geldsummen projektbasiert bezahlen.

Ich glaube nicht, dass diese kosmetischen Vorschläge die Problematik lösen, denn sie setzen nicht an der Wurzel des Problems an. Zivilgesellschaftliches Engagement lebt doch zu einem starken Teil von der Eigenmotivation der Bürger - von Freiwilligkeit. Die wissenschaftliche Theorie der Zivilgesellschaft modelliert diese Sphäre der Gesellschaft im Idealfall als korrektiven Gegenpol zu Staat und Markt. Die Ökonomisierung von Freiwilligkeit würde dem Problem also auf der falschen Ebene begegnen und die Hegemonie des Marktes über sämtliche Lebensbereiche noch fördern. Meine Forderung wäre vielmehr einen breiten Diskurs über den Stellenwert von Arbeit zu führen. Deutschland ist Arm an Lebensentwürfen, die das Leben zwischen 17 und 70 nicht - reduktionistisch verkürzt - als “Arbeitsleben” bezeichnen. Das größte Glück - so wird es zumindest vermittelt - liege darin Arbeit zu haben. Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut(!) lässt Menschen irrational zu selbstausbeutern werden.

Wir leben in einer Multioptionalen Gesellschaft. Meiner Meinung nach müssen mehr Freiheiten eingeräumt und vermittelt werden diese Multioptionalität auch nutzen zu können.

Posted in Allgemein at Januar 30th, 2009. Trackback URI: trackback
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4 Responses to “Kritische Theorie III: Ökonomisierung von Freiwilligkeit”

  1. Januar 30th, 2009 at 17:02 #Christopher

    Kleine Buchempfehlung zum Thema: Reinhard K. Sprenger “Mythos Motivation”. Er hat es nicht wirklich zum Thema Ehrenamtlichkeit geschrieben, aber eine seiner Kernthesen ist, dass extrinsische Motivation eine erschreckend kurze Halbwertszeit hat und letztlich nichts bewirkt.

    Wenn das zutrifft, dann offenbart deine Situationsbeschreibung ein ganz anderes Drama: Nämlich dass die klassischen Felder ehrenamtlichen Engagements und Teilhaberschaft zu langweiligen und irrelevanten “Orten” unserer Gesellschaft mutiert sind. Dann hätten die Credit-Point-Strategen fast ebenso erfolgreich “Ressourcen” verbrannt, wie die aktuell viel geschundene Bankenwelt.

    Hier noch ein Zitat aus einem just heute veröffentlichten Artikel auf http://www.jesus.de:

    Ehrenamtliches Engagement nimmt nach Angaben von Kirchenvertretern und Experten einen immer wichtigeren Stellenwert in Deutschland ein. In einer zunehmend individualistisch geprägten Gesellschaft mit ‘Tendenzen zum sozialen und kulturellen Ausschluss’ vieler Menschen seien Christen besonders herausgefordert, sich mit anderen zu verbinden, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, am Freitag auf einer ökumenischen Fachtagung in Köln.

    Entweder können die es besser oder sie haben die Veränderung noch nicht mitbekommen…;-)

  2. Februar 2nd, 2009 at 00:48 #Nils

    ich beziehe mich ja stärker darauf, dass es für diejenigen, die sich beteiligen möchten immer schwerer möglich wird dies zu tun.

    zum stichwort motivationale grundlage von engagement: ich stimme dir zu, dass viele orte langweilig oder irrelevant geworden sind - in dem sinne, dass sie nicht mehr in der lage sind ihre relevanz zu vermitteln, den sinn, der ihre legitimationsgrundlage darstellt. motivation basiert auf der zuschreibung von sinn (”das engagement macht sinn, weil …”). gerade in einer posttraditionellen gesellschaft müssen also ehrenatms-organisationen ihren jeweils spezifischen sinn und zweck vermitteln (durch kommunikation oder erfahrungsräume), um menschen zu finden, die sich mit diesem sinn identifizieren (Teil-haben). sonst gehen sie hops. allerdings ändert das nichts an der tatsache, dass menschen die möglichkeit besitzen müssen teilhaben zu können (zb zeitlich).

    zum zitat: ich habe das so gelesen, dass hans joachim zwar sagt, dass es wichtiger wird, aber nicht, dass es bei ihnen vermehrt vorkommt. dieser credit-point antrag kam übrigens nicht im engeren sinne von uns (gjw), sondern von landeskirchlichen delegierten auf der aej-mitgliederversammlung.

  3. Februar 28th, 2009 at 18:40 #Ole

    Die Lösung: http://www.youtube.com/watch?v=zo2HsokaqMY

    Wer sich von Kristen Bell nicht überreden lässt, dem ist auch nicht mehr zu helfen!

  4. März 7th, 2009 at 17:37 #Nils

    Ole, du hast Recht! Kirsten hat mich überzeugt: Ab jetzt gehe ich immer rechtzeitig schlafen!

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