Oder auch: ‘Der Student kann das Studiensystem verändern

Seit der flächendeckenden Einführung des (neoliberalen) Bachelor-Master-Studiensystems klagen viele Studenten über die verschulte und komprimierte “Turboisierung” ihres Studiums: Es gilt in kurzen Abständen Leistungstests zu bestehen und Module in eng definierten Zeiträumen zu absolvieren, um dann nach einer Regelstudienzeit von planmäßig 6 Semestern von der Hochschule auf den Arbeitsmarkt gespien zu werden. Stress, Leistungsdruck und Angst sind die Auswirkungen dieser Reform, die wiederum einen Rückgang an Freizeit und Freiheit - schwindende Freiräume für soziales Engagement und eine Blick über den Tellerrand - zur Folge haben.

Doch ist die Situation nicht ausweglos und “das System” lässt durchaus Freiräume, die es gilt vom Einzelnen bzw. vom Kollektiv der Einzelnen genutzt zu werden.

Schon Herbert Marcuse stellte in seinem Werk ‘Der eindimensionale Mensch‘ fest, dass

“die fortgeschrittene Industriegesellschaft [zwar] imstande ist, qualitative Änderung [der Lebensumstände der Menschen] für die absehbare Zukunft zu unterbinden [...], dass [aber gleichzeitig] Kräfte und Tendenzen vorhanden sind, die diese Eindämmung durchbrechen und die Gesellschaft sprengen können.”

Letztlich besitzen also die Menschen die Kraft gesellschaftlich oder systemisch bedingte Unzulänglichkeiten zu “sprengen” bzw. zu überwinden. Ein wundervolles Beispiel hierfür bietet eben jenes BA-Studiensystem, das hier in Erfurt derzeit von den Studenten gesprengt wird. Während von der durch wirtschaftliche Interessen gelenkten Bildungspolitik und Hochschulleitungen Kürze und Berufsqualifikation propagiert und als die Besonderheit des Studiums glorifiziert werden, entschließen sich immer mehr Studenten dazu ihre Studienzeit auf 7 Semester oder mehr auszuweiten und sich dabei ein Semester im Ausland zu entspannen oder in Interessengebiete zu versenken.

Das ist schlecht für die Hochschulen. So wurde beispielsweise die Erfurter Universität immer mehr ökonomisiert und erhält mittlerweile nur noch Mittel, wenn sie eine möglichst hohe Zahl von Studenten in der Regelstudienzeit durch ihr Studium schleust. Also: Statistik ist im Arsch, weniger Geld.

Das ist gut für die Studenten, die beginnen zu reflektieren und sich aus der Fessel des systemischen Zwangs zu befreien - Dinge tun, die man tun möchte, aus sich heraus.

Und das ist gut für die Gesellschaft, die vielleicht auch beginnt sich zu fragen: Was will ich leisten, was kann ich leisten, warum mache ich das überhaupt usw. usf.

Posted in Allgemein at Dezember 18th, 2008. Trackback URI: trackback
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