Dachte man vor einer Weile noch, dass Zeitungsverleger, Redaktionen und Berufsjournalisten gemerkt hätten, dass die guten alten Zeiten seit ein paar Jahren vorbei sind, wurde diese Einschätzung Ende letzten Jahres wieder einmal enttäuscht. Die Hoffnung, dass Medieninstitutionen nun bereit wären, den Medien- und Gesellschaftswandel konstruktiv mitzugestalten, musste in Folge der Forderung nach einem politisch durchgesetzten Leistungsschutzrecht wieder begraben werden.
Leistung, Schutz, Recht - klingt doch alles ziemlich positiv. Bei zweimaligem darübernachdenken allerdings auch ziemlich abwegig. Wer definiert hier, wessen Leistung, wie zu schützen ist? “Journalist” ist - wenn man das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ernst nimmt - zu Recht kein geschützter Beruf. Eine Überprüfung dessen, was “journalistischer” Inhalt ist oder nicht, ist völlig unmöglich. Dazu transzendieren und hybridisieren Genres, Formate, Inhalte und Medien zu sehr. Außerdem wachsen die Mengen an allgemein adressierten Medieninhalten exponentiell. Kontrolle wäre nur möglich, wenn zugangsbeschränkte und zentralisierte “journalistische” Plattformen durch irgendeine Instanz (zum Beispiel die Politik) eingeführt werden würden. Hier könnten Inhaltsmengen beschränkt und die Mitglieder einer schreibenden Elite, entsprechend der Leistungsschutzdingens-Idee, entlohnt werden. Man müsste also eine Art “zweites Internet” erfinden, für das man Lizenzen erwerben könnte. Dann bräuchte man noch einen juristisch-polizeilichen Überwachungsapparat, der aufpasst, dass das “unterprivilegierte Internet” die Inhalte vom “upperclass Internet” nicht stiehlt. Das Unterklasse-Internet dürfte nicht einmal - und hier kommen wir zu einer weiteren Forderung des Leistungstralalas - auf das Oberklasse-Internet hinweisen. Zumindest dürfen dabei keine Worte verwendet werden, die auch im Oberklasse-Internet Verwendung finden - es sei denn, man zahlt eine Hinweisgebühr. Das ist ein bisschen wie Tabu. Das Oberklasse-Internet dürfte natürlich auf das Unterklasse-Internet zeigen und verweisen und ihm seine Texte und Bilder und Videos wegnehmen. Ohne Ende, denn es hat ja Recht. Die Macher vom Oberklasse-Internet dürfen auch durch Straßen laufen und Dinge fotografieren und aus Büchern zitieren und sie müssen den Straßen und den Dingen und den Büchern kein Leistungsschutzrecht-Geld bezahlen. Das ist doch irgendwie … ungerecht. Irgendwie.
Leistungschutzrecht ist quatsch. Klaro, merkt jeder! Aber warum fordert man dann trotzdem erstmal? Weil die Berufspolitiker nicht merken, dass es quatsch ist? Weil die so ein Gesetz einfach bewilligen, solange sie sich vor eine Leinwand mit einer Zeitung in der Hand stellen dürfen und Applaus bekommen. Applaus dafür, dass sie sagen, dass “die von uns allen geliebte Zeitung nun endlich wieder Leistung bringen kann und Schutz und Recht hat”? Ja, vielleicht. Ich vermute aber, dass es sich bei der Forderung nach dem Lilaleistungsschutzrecht schlicht und einfach um eine strategische Hinhalte- und Ablenkungstaktik handelt. Perfide und klug! Die Verlage möchten alldiejenigen, die sich für Zeitungen und Journalismus interessieren, mit doofen Themen beschäftigen, bis man selber ein tolles lukratives Zukunftsmodell für das gefunden hat, was bisher Zeitung war. Man möchte politische Innovationsförderung für alternative journalistische Projekte unterbinden, um selber nicht an Reichweite zu verlieren. Verständlich, schließlich muss man ja weiterhin die riesigen Redaktionen, Verwaltungsstellen, Druck- und Vertriebsinstanzen finanzieren. Aber auch: hinterhältig. Man wirft mit mystischen Begriffen, wie digitaler “Kostenloskultur” um sich und kämpft mit den Hobbybeobachtern und Kleinstunternehmern der Blogosphäre. Und das nur, um zu verhindern, dass irgendjemand den zündenden Gedanken, die großartige Idee hat, wie Journalismus und Inhaltsproduktion gegenwärtig und zukünftig gestaltet und finanziert werden können.
Die Verlagsindustrie entwickelt sich in Deutschland zur Montanindustrie der Jetztzeit und hofft nochmal ein paar Jahre - oder für alle Zeit - ihre Existenz sichern zu können. Für die Weiterentwicklung des Journalismus bedeutet das nichts Gutes. Dabei sind wir uns doch alle einig, dass ein besserer, vielfältigerer, nützlicherer Journalismus für alle, die Gesellschaft und die Demokratie großartig wäre. Und das lieber heute als morgen. An dieser Weiterentwicklung können alle mitarbeiten und experimentieren: motivierte, ideenreiche und idealistische Bürger und Journalisten ebenso wie die Alten, die Massenmedien und ihre Verlagshäuser.
Die beschriebene Verzögerungstaktik der Verlage ist nicht neu. Bereits mit dem Aufkommen digitaler journalistischer Konkurrenz im Internet verfolgte man eine Strategie der Blockade, die in anderer Form noch bis heute anhält. Fragte man Anfang bis Mitte der 2000er Jahre Chefredakteure von Zeitungen, warum sie ihre Online-Angebote nicht ausbauten und weiterentwickelten, so erhielt man die Antwort, dass man sich nicht die eigenen Printleser wegnehmen wolle. So gehören Zeitungswebsites bis heute zu den unübersichtlichsten Internetangeboten, die es gibt. Eine Überblicksfunktion (im Sinne von “wissen, was wichtig ist”) für den Leser können die Online-Varianten der Tagespresse in ihrer jetzigen Gestalt kaum gewinnen. Mario Sixtus’ metaphorischer Vorwurf, Zeitungshäuser würden das Internet ohne Sinn und Verstand mit den Inhalten ihrer Redaktionssysteme vollpumpen, trifft an dieser Stelle völlig zu. Die digitalen Bleiwüsten dienen bestenfalls als Nachrichtenticker oder Quellen für Zufallsfunde und “die hübschesten Fußballerfrauen aller Zeiten”. Bei diesem Anblick fragt man sich, was das Wort journalistische Selektion bedeuten könnte. Nicht ohne Grund floriert das Business der Clipping- und Monitoring-Agenturen, die aus dem Informationswirrwarr, den Zeitungen hinterlassen, echte Übersichten für Unternehmen und politische Entscheider zusammenstellen. Es irritiert nur, dass gerade die New York Times, deren Auftritt stark an eine dekonstruierte Variation eines strukturierten Informationsangebots erinnert, nun völlig auf “Online” setzen will. Entweder gehört dies zur Täuschungstaktik des globalen Verlagskartells oder die Times bietet ihren bezahlenden Abonnenten ordentlich aufbereitete digitale Neuigkeiten an. Wer weiß?
Zu den Klassikern der Blockadestrategie der Zeitungen gehörte und gehört neben dem “wir machen’s mal unübersichtlich” auch das Löschen oder “gar-nicht-erst-Publizieren” von Inhalten. Während die Überblicksfunktion über aktuelles Geschehen auf Newswebsites nämlich in der Breite als ausbaufähig zu betrachten ist, könnten Onlinezeitungen durch, bisher nicht gekannte, Archivfunktionen glänzen, und tun dies an einigen Stellen auch. Hier bietet das Internet einen Vorteil zum Print. Doch eben diese Nutzwertsteigerung für den Leser lassen viele, insbesondere die kleineren, lokalen Zeitungen außer Acht. Sie löschen Inhalte einfach nach einer kurzen Weile - warum auch immer. Vielleicht glauben sie ja an die von ihnen selbst erfundene Legende davon, dass Nachrichten, nachdem sie einmal gelesen sind, wertlos werden. Ein öffentliches Archiv kann nicht nur den Nutzwert, sondern auch den Markenwert einer Tageszeitung steigern: Nutzer werden über Suchmaschinen und Hyperlinks noch nach langer Zeit auf die Inhalte von Zeitungen aufmerksam, während die Archive im klassischen Printjournalismus nur schwer zugänglich sind. Neben dem Löschen gibt es noch eine zweite Strategie, die ein öffentliches Archiv, eine Bereicherung des kollektiven Gedächtnisses, verhindert: das Verstecken von Inhalten. Dieses Spiel wird von Zeitungen auf verschiedene Weisen gespielt. Zunächst unternahmen einige Zeitungen den Versuch, alle ihre Inhalte in kostenpflichtigen Premiumbereichen zu verstecken. Damit scheiterten sie jedoch, denn dem Leser standen einfach zu viele alternative Zugangsmöglichkeiten zu Informationen zur Verfügung. In der Folge, und bis heute, depublizieren viele Zeitungen ihre Inhalte nach dem Ablauf einer bestimmten Zeit oder machen bestimmte Segmente ihrer Zeitungen von vorneherein nur gegen Bezahlung verfügbar (insbesondere lokale Informationen, aufgrund von Monopolstellungen). Dabei ist das Verhältnis von Preis und Leistung in vielen Fällen nicht mehr als ein schlechter Witz. Einen Euro oder mehr soll da für einen Artikel bezahlt werden. Ist klar! Während ich für eine ganze Zeitung mit wasweißichwievielen Artikeln Eins-sechzig bezahle, kostet ein einzelner Artikel im Internet einen Euro!? Hey Zeitungen, macht mir ein gutes Angebot! Ein Abo, eine Flatrate, irgendwas!
Alles schlecht! Und was nun? Zum Glück schreitet die Zeit voran und zum Glück gibt es Firmen, denen es völlig egal ist, welchen Aufrur Zeitungen so erzeugen. Firmen, die den strategischen Plan verfolgen, Dinge zu tun. Veränderung vollziehen und dabei - im Gegensatz zum zu pluralistischen “Internet” - eine so große Marktmacht besitzen, dass selbst Zeitungsverlage wie kleine Kinder am Rockzipfel ziehen und sich einbilden, sie hätten sich das neue Ding da, dass die große Firma ihnen zum spielen gibt, schon immer gewünscht.
Und sie spielen nicht einmal so schlecht damit. Sie gestalten Anwendungen, die tatsächlich anwendbar sind. Die Anwendungen heißen nicht Anwednungen, sondern Apps, weil das irgendwie süßer und kindgerechter klingt. Während beim Webdesign der Zeitungen noch die Steigerung “mehr schlecht als schlecht” das Motto war, wurden die Zeitungen vom Apple’schen Ästhetikfieber angesteckt: plötzlich gestalteten sie Apps, die Übersicht über aktuelles Geschehen vermittelten. Apps, die ohne deplazierte Werbung lesbar und die darüberhinaus noch transportierbar wurden. Zeitung konnte wieder da gelesen werden, wo man Zeitung lesen kann: im Bett, auf dem Klo, im Bus. Nachdem die Apps am Anfang sehr klein waren, wurden sie bald schon größer, mittlerweile sehen sie schon ein bisschen aus wie frühere Printprodukte, wie Zeitschriften ungefähr. Sie werden mittlerweile sogar gelayoutet, aufwändig (!) gemachte Videos werden eingebunden und man überlegt, wie man Inhalte am besten arrangieren könnte. Ich würde dafür glatt ein Abo abschließen und wäre bereit dafür 3 oder 5 oder 10 Euro pro Monat zu bezahlen! Das wäre ein gutes Angebot. Und was möchte ich dafür bekommen? Vielleicht einmal eine gebündelte Überblicksvariante - wissen was wichtig ist für einen bestimmten Zeitraum. Die darf ruhig geschlossen sein. Und daneben: eine offene, sich kontinuierlich aktualisierende Archivseite, die vernetzt und verlinkt werden kann, deren Artikel alle frei zugänglich sind. Ich würde alleine dafür - für gute Qualität, die Bündelung, die Selektion, die Sortierungsleistung und die Ästhetik Geld bezahlen. Echt!
Wenn das passiert, dann müssen wir auch nicht mehr über so einen Quatsch, wie das Leistungsschutzrecht reden.
Bald wird es noch leichtere, noch flexiblere, noch größere Endgeräte geben. Diese Endgeräte werden vor allem eines sein: billiger. Viel mehr Menschen werden sie besitzen. Ich bin mal gespannt was dann passiert.